Stadt Gießen

»Ein großes, aber schönes Problem«

Demenz sorgt oft dafür, dass sich Betroffene orientierungslos fühlen. Noch schwieriger wird es, wenn die sprachliche und kulturelle Verbindung zur Umgebung fehlt, sagen Reimer Gronemeyer und Jonas Metzger. Die Soziologen haben sich mit Demenz und Migration befasst. Vorab sprechen sie über Probleme in Pflegeheimen und erzählen, was Kuckucksuhren und Kartoffeln damit zu tun haben.
04. Februar 2019, 21:20 Uhr
Sabrina Dämon
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Prof. Reimer Gronemeyer

Wie ist der Umgang mit Demenz in Familien mit Migrationshintergrund? Mit dieser Frage haben Sie sich in einem Forschungsprojekt beschäftigt und Interviews mit pflegenden Angehörigen geführt. Was haben Sie herausgefunden?

Prof. Reimer Gronemeyer: Es ist gespalten. Es gibt einen Bereich, in dem in einer traditionellen warmen Weise für einen Hilfsbedürftigen gesorgt wird. Die Frage, ob sein Verhalten eine Diagnose hat, ist nicht wichtig.

Jonas Metzger: Oft steht die Frage der optimalen Versorgung nicht im Zentrum. Stattdessen geht es darum, dass es der Person gut geht.

Haben Sie in Familien ohne Migrationshintergrund andere Erfahrungen gemacht?

Gronemeyer: Es ist dünnes Eis, auf dem wir uns hier bewegen. Weil man nicht sagen kann: Die Türken machen das so, die Deutschen so. Und trotzdem kann man sagen, dass es in unserer deutschen Mehrheitskultur viel Kälte und Einsamkeit gibt. Die gibt es natürlich auch woanders. Aber noch ist es so, dass man in einer kasachischen Familie oder in einer türkischen Familie häufiger familiäre Unterstützung findet.

Metzger: Ein Aspekt, der auch zur Sprache kam, war der, dass es häufig zu Konflikten kommt im Aufeinandertreffen mit deutschen Dienstleistern und Institutionen.

Inwiefern?

Metzger: Das ist unterschiedlich, oft gibt es kein Wissen darüber, welche Leistungen angeboten werden; viele denken, sie seien nicht berechtigt, es gibt Unsicherheiten. Immer wieder haben Leute erzählt, sie mussten sich neu einarbeiten, sie haben quasi gelernt wie für eine Prüfung.

Haben Sie ein Beispiel?

Metzger: Wenn der Medizinische Dienst der Krankenversicherung kommt, um zu gucken, ob Pflegeleistungen in Anspruch genommen werden können. Eine Frau hat erzählt, sie hat vor dem Besuch alles geputzt, der Mutter die Haare geschnitten, ihr die Fingernägel lackiert. Die Mutter war an dem Tag aktiver, weil am Morgen viel gerödelt wurde. Dann kam jemand vom MDK und sagte: »Schaut doch alles wunderbar aus.« Die Frau wusste nicht, dass sie Widerspruch einlegen kann. Diese Probleme haben zwar auch Deutsche, aber Sprachbarrieren machen es noch schwieriger.

Sie sind auch in Pflegeeinrichtungen gegangen. Welche Erfahrungen haben Sie dort gemacht?

Metzger: Da war zum Beispiel ein vietnamesisches Ehepaar, beide mit Demenz, und beide konnten kein Deutsch. Sie trugen oft einen Seidenanzug. Diesen Anzug haben aber sowohl die Pflegekräfte als auch die anderen Mitbewohner und deren Angehörige als Schlafanzug interpretiert. Die Pflegekräfte haben immer wieder versucht, das Ehepaar dazu zu bringen, die Seidenanzüge auszuziehen. Und die Angehörigen der anderen Bewohner haben sich beschwert, weil sie fanden, dass es nicht sein kann, dass jemand noch im Schlafanzug am Mittagstisch sitzt. Die zwei haben aber immer wieder ihren Seidenanzug angezogen. Wenn sie dazu gebracht wurden, ihn auszuziehen, sind sie aggressiv geworden. Und dann kippte die Stimmung. Obwohl es an sich eine ganz banale Sache ist. Aber in diesem Zusammenhang gibt es auch sehr schöne Elemente.

Gronemeyer: Zum Beispiel die Geschichte von einer Pflegekraft und dem Bewohner, der nur Russisch sprach. Sie hat sich Kernworte auf Zettel geschrieben und in den Küchenschrank gehängt – essen oder waschen –, um mit diesem Mann in Verbindung treten zu können.

Metzger: Da gibt es ein großes Engagement in den Pflegeheimen. Pflegekräfte beispielsweise, die sich übers Handy und Google-Translator Sätze übersetzen lassen. Gerade, wenn die Menschen eine Demenz haben und sowieso nicht mehr in vollen Sätzen sprechen, kann schon ein Wort in der Muttersprache unglaublich viel Sicherheit und Geborgenheit auslösen.

Gronemeyer: Man weiß: Im Alter findet der Rekurs auf die Muttersprache statt. Da besteht die Gefahr einer doppelten Vereinsamung. So gut das Heim sein mag, und so zugewandt die Pflegekräfte sind, wenn die sprachliche und kulturelle Brücke fehlt, und man nichts von dem, was der eigenen Lebenserfahrung entspricht, wiederfindet, ist das eine dramatische Herausforderung.

Haben Sie Vorschläge für den Alltag in den Pflegeheimen erarbeitet?

Metzger: Es geht einmal darum, in den Pflegeheimen sensibel dafür zu werden, dass Menschen mit Migrationshintergrund oft in der Minderheit sind. Das fängt schon bei der Deko und beim Programm an – dass dort nur Kuckucksuhren hängen oder ausschließlich Bayerische Abende veranstaltet werden. Das könnte zum Beispiel ergänzt werden durch kulturelle Angebote. Wir wollen dazu ermutigen, die Verschiedenheiten der Lebensgewohnheiten als Chancen für lebensfrohe Begegnungen zu nutzen. Essen ist auch ein gutes Beispiel: Der Speiseplan beinhaltet viele Kartoffelgerichte. Das kann schon dafür sorgen, dass sich jemand ausgegrenzt fühlt. Wenn man versucht, das aufzubrechen und Vielfalt zulässt, kann das für alle Bewohner eine Bereicherung sein.

Funktioniert das Ihren Erfahrungen nach schon gut in den Pflegeheimen?

Metzger: Die Pflegekräfte machen schon viel, aber gleichzeitig fehlt oft die Zeit. Eine Geschichte aus einem Interview: Die Tablette fällt herunter, weil der Bewohner sie nicht nehmen will. Dann muss die Person gesucht werden, die den Schlüssel zum Medizinschrank hat, und es muss ein Bogen ausgefüllt werden, um zu erklären, warum zusätzliche Medizin angefordert wird.

Vor welchen alltäglichen Schwierigkeiten stehen die Pflegekräfte noch?

Metzger: Wir hatten einmal die Frage: Wie gehe ich damit um, wenn die Leute in ihrer Demenz nicht mehr verstehen, dass sie aus religiösen Gründen eigentlich kein Schweinefleisch essen dürfen? Und dann sitzen zwei am Tisch, die spachteln ihre Wurst, und der Dritte hat plötzlich auch Lust, eine Wurst zu essen. Eigentlich müssen die Pfleger ihm das Essen wegnehmen, denn solange er sich noch klar äußern konnte, hat er gesagt, »ich will kein Schweinefleisch essen«.

Gronemeyer: Da ist eine Öffnung und Sensibilisierung erforderlich. Ob es ums Essen oder um religiöse Angebote geht. Ich glaube, die Toleranz in den Einrichtungen ist sehr groß. Aber vieles weiß man einfach nicht. Da sind Probleme, die wir in der Tagung erst einmal ans Tageslicht bringen. Dieses Problem ist einfach groß, aber es ist auch schön, weil wir so viele unterschiedliche kulturelle Lebensäußerungen haben. (Fotos: pv)

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/stadtgiessen/Stadt-Giessen-Ein-grosses-aber-schoenes-Problem;art71,548108

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