18. Oktober 2018, 22:02 Uhr

Ein gerechter Geist

Christoph Geist ist Pfarrer. Frömmeln ist ihm aber fremd. Der 71-Jährige hat nicht nur einmal mit seiner Kirche gehadert. Er ist ihr aber auch sehr dankbar. Durch sie kann er das machen, was er schon immer wollte: Den Schwachen helfen, zum Beispiel in der Werkstattkirche. Ob die Menschen an Gott glauben, spielt dabei keine Rolle.
18. Oktober 2018, 22:02 Uhr
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Von Christoph Hoffmann
Pfarrer Christoph Geist vor seiner Werkstattkirche. Hier hilft er den Nordstädtern – egal ob sie gläubig sind oder nicht. (Foto: Schepp)

Am 5. Juli 2014 macht Pfarrer Christoph Geist etwas, das er zuvor noch nie getan hatte. In seiner Abschiedspredigt erzählt er eine persönliche Geschichte. Sie handelt von der Schließung einer kleinen Näherei in Freienseen, wo Geist in den 80ern als junger Gemeindepfarrer arbeitete. Alle Mitarbeiterinnen der Näherei sollten entlassen werden, so wollte es der große Mutterbetrieb. Ohne Abfindung, ohne Lohnfortzahlung. In seiner Predigt spricht Geist lange und ausführlich über das Schicksal der Frauen, den fehlenden Betriebsrat und die herablassende Art des großen Chefs, den das »armselige Pfarrerlein« vergeblich versuchte umzustimmen. Doch Geist gab nicht auf, ging mit den Frauen zur Rechtsstelle des DGB und leistete ihnen auch vor Gericht den nötigen Beistand. »Die Frauen und ich saßen dem Chef gegenüber, erhobenen Hauptes, aber innerlich schlotternd«. Doch die Sache ging gut aus: Die Frauen bekamen allesamt eine beträchtliche Abfindung.

Diese Geschichte aus seiner Abschiedspredigt sagt viel aus über den Menschen Geist. Wie er seine Arbeit versteht, und was im Zentrum seines Handelns liegt. Nicht nur Nächstenliebe predigen, sondern auch umsetzen. »Kirche muss sich um sozial benachteiligte Menschen kümmern«, betont der 71-Jährige und fügt mit Nachdruck hinzu: »Egal, woran sie glauben oder nicht glauben.« Ein Prinzip, das er auch in seiner Werkstattkirche verfolgt. In der Ederstraße kümmert er sich um die Menschen aus der Nordstadt. Vor allem um die Arbeitslosen. Denn Armut kennt Geist nur zu gut.

1947 in Hamburg geboren, wuchs Geist mit vier Geschwistern in ärmlichen Verhältnissen auf. Die Eltern hatten vor dem Krieg als Künstler gearbeitet, in den bitteren Jahren danach ließ sich damit aber kein Geld mehr verdienen. »Mein Vater war immer wieder arbeitslos. Meine Mutter hat manchmal minimal freiberuflich gearbeitet«, sagt Geist. Trotz des fehlenden Geldes erhielten die Kinder eine gute Schulbildung, alle machten das Abitur. Eine große Einschränkung für die Familie, schließlich konnte der Nachwuchs nichts zum Lebensunterhalt beisteuern. Und während mancher Klassenkamerad mit dem Chauffeur zur Schule gebracht wurde, mussten sich Geists Eltern fünf Monatskarten für die S-Bahn vom Munde absparen. »Diese Zeit hat mich geprägt«, sagt Geist. »Das habe ich nicht vergessen.«

In Bewunderung für Albert Schweitzer schwankte Geist nach dem Abitur zwischen den Studiengängen Medizin und Theologie, wegen seiner Schwächen in den Naturwissenschaften schlug das Pendel zu letzterem aus. Eine Wahl, die er später noch bereuen sollte. »Das Theologiestudium hat mir wenig gegeben«, sagt Geist. Ihn störte das hochgestochen Wissenschaftliche, die Suche nach »Kleingekrümel«, wie er es nennt. Geist scherte sich nicht darum, wer an einem theologischen Text wann einen Punkt oder ein Komma hinzugefügt hat. Geist interessierte sich für den Menschen. Und der kam ihm im Studium zu kurz. Nach dem ersten Theologischen Examen fasste er daher einen Entschluss: Keine Theologie mehr. »Ich war auch mit der Kirche unzufrieden. Sie war zu stark mittelschichtsorientiert. Der kirchliche Auftrag, für Menschen da zu sein, hat mir gefehlt.«

Und so ging Geist von Heidelberg nach Marburg, um ein neues Studium zu beginnen: Pädagogik. Doch als er sich damit auf freie Stellen bewarb, geriet er ins Grübeln: »Bei Bewerbungsgesprächen saßen mir plötzlich Pfarrer gegenüber, die dann meine Vorgesetzten gewesen wären. Dabei hätte ich nicht nur die gleiche Ausbildung wie meine Chefs, sondern noch eine zusätzliche gehabt.« So entschied sich Geist noch einmal um und absolvierte das Vikariat. »Die Entscheidung, doch in der Kirche zu arbeiten, ist maßgeblich darauf zurückzuführen, was ich bei meinem Lehrpfarrer und späteren Freund lernen und erfahren konnte. Wie er Kirche und seinen Beruf gelebt hat, hat mir Mut gemacht, das auch zu tun.« Und so wurde Geist nicht nur Pfarrer in Freienseen, er übernahm auch die Stelle des Sozialpfarrers für die Propstei Osthessen. Seine Aufgabe: Mit Unternehmen in Kontakt treten, Gewerkschaften beraten und vor allem: Arbeitslosen helfen.

Schon während seiner Zeit in Freienseen, wo er von 1978 an zehn Jahre Gemeindepfarrer war, gründete er 1982 mit einigen Mitstreitern die Jugendwerkstatt. Eine Einrichtung für Jugendliche, die auf dem allgemeinen Bildungsweg keine Chance hätten. »Wir haben in der Bleichstraße mit einer kleinen Fahrradwerkstatt angefangen«, erinnert sich Geist. »Anfangs ging es uns vor allem darum, die Jungs und Mädchen zu beschäftigen.« Gleichzeitig habe aber auch schon damals das Thema Recycling eine wichtige Rolle gespielt, getreu des kirchlichen Auftrags, die Schöpfung zu bewahren. Und nicht zuletzt wollten Geist und seine Mitstreiter die jungen Leute besser kennenlernen. »Schließlich findet bei der Arbeit die beste Kommunikation und Integration statt.«

Aber auch hier geriet der Gießener mit seiner Kirche in Konflikt. »Wir hatten anfangs verhandelt, die Werkstatt als kirchliches Projekt laufen zu lassen. Darauf hat sich die Kirche aber nicht eingelassen.« Stattdessen gründeten Geist und sein Team als Privatpersonen den Verein. Doch der Pfarrer ließ nicht locker. Schlussendlich mit Erfolg, die Kirche kam ins Boot. »Dass die Jugendwerkstatt so schnell wachsen konnte, ist in hohem Maße auch der kirchlichen Unterstützung zu verdanken«, sagt Geist. Als er 2014 aus dem geschäftsführenden Vorstand ausschied, hatte die Jugendwerkstatt über 200 Plätze für schwer vermittelbare Jugendliche und Langzeitarbeitslose geschaffen.

Doch der Ausstieg war nicht Ende, sondern Neuanfang. Auf die Jugendwerkstatt folgte die Werkstattkirche, die in der ehemaligen Neuapostolischen Kirche in der Ederstraße zu Hause ist. Geist leitet die Einrichtung zusammen mit Bärbel Weigand. Bei einem Reparaturtreff bringen Arbeitslose und andere Freiwillige die Elektrogeräte ihrer Mitbürger in Ordnung, es wird regelmäßig gemeinsam gesund gekocht, es gibt eine Band, Theater-AG, Hausaufgabenhilfe und vieles mehr. Die Werkstattkirche ist ein Nachbarschaftstreff, in dem sich sozial Schwächere gegenseitig unterstützten. Vermutlich würde man heute von »Teilhabe« sprechen, aber Geist hat eine passendere Formulierung. Sie stammt von einer Frau aus der Nordstadt. Geist lächelt, als er den Satz wiedergibt: »Wir sind hier zu Mitmach-Bewohnern geworden.«

Pfarrer Geist hat jahrzehntelang Menschen geholfen, die es aus eigener Kraft nicht geschafft hätten. Nächstenliebe im besten Sinne. Die Barmherzigkeit ist ihm aber nicht zu Kopf gestiegen, Selbstbeweihräucherung ist ihm fremd. Das liegt vermutlich daran, dass er das Helfen nie als Mildtätigkeit, sondern als Pflicht angesehen hat. Schon damals, 2014, als Geist seine letzte Predigt hielt, sagte er: »Die Gabe für die Armen ist kein Akt herablassender Gnade, sondern ein Akt der Herstellung von Gerechtigkeit.«

So gesehen ist Geist ein Gerechtigkeitskämpfer. Ein Kampf, der mit den Näherinnen begann – und in der Nordstadt noch lange nicht zu Ende ist.



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