23. Dezember 2010, 21:12 Uhr

Ein »falsches« Geschenk kann zum »Vulkanausbruch« führen

Gießen (kw). Die Telefonseelsorge Gießen-Wetzlar ist an Heiligabend und in den Tagen danach besonders gefragt. Die Ehrenamtlichen erhalten einen Rund-um-die-Uhr-Dienst aufrecht.
23. Dezember 2010, 21:12 Uhr
»Sorgen kann man teilen«, so das Motto der Telefonsseelsorge. Auch an Weihnachten ist dort immer ein geschulter Ansprechpartner im Dienst. Sie bleiben anonym - das symbolische Foto zeigt keine Mitarbeiterin. (Foto: Schepp)

Die Kinder sind im Bett, die alleinerziehende Mutter wird vom Gefühl unendlicher Traurigkeit und Einsamkeit überwältigt: Schon weil das Geld fehlte, konnte sie den Heiligabend nicht so gestalten, wie sie es sich gewünscht hätte. Ein Partner allerdings ist auch nicht unbedingt ein Glücks-Garant - schon die Enttäuschung über ein »falsches« Geschenk kann am 24. Dezember zum heftigen Streit führen. Rund um Weihnachten und Jahreswechsel erleben manche Menschen schlimme Krisen. Das erfahren die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Telefonseelsorge Gießen-Wetzlar Jahr für Jahr. Dennoch oder gerade deshalb finden sich auch an diesen Tagen Ehrenamtliche bereit, den Rund-um-die-Uhr-Dienst aufrechtzuerhalten.

An Heiligabend griffen besonders viele Ratsuchende zum Telefon, berichtet im Gespräch mit der Gießener Allgemeinen Zeitung der evangelische Pfarrer Wolfgang Schinkel, der die ökumenische Einrichtung gemeinsam mit dem katholischen Pastoralreferenten Gerhard Schlett leitet. In einer Schicht - sie dauert vier bis fünf Stunden - führe eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter dann durchaus einmal sechs ausführliche Gespräche. Und auch in den Tagen danach klingelt das Telefon häufiger als sonst.

Warum geraten Menschen gerade zu dem eigentlich freudigen Datum in seelische Not? »Das Weihnachtsfest wird in unserer Gesellschaft ungeheuer hochgehängt«, weiß der Theologe. Enttäuschte Hoffnungen seien mitunter die Folge. Vor allem das Empfinden von Einsamkeit einerseits und Familienkonflikte andererseits könnten förmlich ausbrechen »wie Magma, das schon einige Zeit im Vulkan gekocht hat«.

Allein fühlten sich - entgegen landläufigen Vorstellungen - nicht unbedingt in erster Linie Senioren, so Schinkel: »Die sind häufig gut integriert in Familie, Vereine oder andere soziale Netze.« Gerade bei Jüngeren sei seit Jahren eine Tendenz zur Vereinzelung und Orientierungslosigkeit zu spüren. Manche täten sich zum Beispiel schwer mit Kontakten von Mensch zu Mensch, weil sie sich mit anderen vor allem über den Computer austauschen. Wirtschaftliche Nöte könnten viele Probleme verstärken.Eine typische Anruferin sei heute die Alleinerziehende, die besonders zum Fest einen Partner vermisst und unter dem Gefühl leidet, sie könne ihren Kindern nicht genug bieten.

Aber auch wenn sich Vater, Mutter und Kinder am geschmückten Baum versammelt haben, wird der Abend mitunter nicht so schön und friedlich, wie man sich das vorgestellt hat. »Die Erwartungen sind oft extrem stark. Dann passiert irgendetwas, das nicht ins Bild passt. Das kann etwas ganz Banales sein. Doch es wird zum Auslöser, der einen schwelenden Konflikt an die Oberfläche bringt«, so Schinkel. Die Ehrenamtlichen bei der Telefonseelsorge hören manchmal im Hintergrund laute Streitereien, während einer der Beteiligten ihnen sein Leid klagt.

Eine andere Art von Verzweiflung überkommt einige Menschen zum Jahreswechsel. »Da haben wir zwar viele Anrufer, die sich auf das neue Jahr freuen und das einfach kund tun möchten«, weiß der Pfarrer. Aber etwa ebenso viele sähen die Zukunft düster. »Angst um die Welt als solche«, Gedanken an Umweltzerstörung, Raubbau an Urwäldern auf Kosten kommender Generationen bewegten solche Ratsuchende.

Kann man dazu etwas Tröstendes sagen? »In der Ausbildung lernen die Mitarbeiter grundsätzlich, auf den individuellen Gefühlszustand des Menschen einzugehen, seine persönliche Betroffenheit und Geschichte zur Sprache zu bringen«, umschreibt Schinkel einen möglichen Gesprächsverlauf. In einem weiteren Schritt könne es darum gehen, welche Möglichkeiten der Anrufer hat, zur Ruhe zu kommen, seine Situation zu verändern oder - wo das nicht geht - sie zunächst zu akzeptieren.

Bei aller Vorbereitung und Begleitung bedeute es für die Ehrenamtlichen häufig eine große Belastung, sich in die Nöte anderer hineinzufühlen. Zugleich erlebten sie es als »ungeheuren Gewinn«, auf Themen gestoßen zu werden wie psychische Erkrankungen, Depression oder Trauer. »Das macht ja reich«, so Schinkels Überzeugung. Auch an Heiligabend den Feiertagen erklärten sich glücklicherweise genug Mitarbeiter freiwillig bereit, einige Stunden Dienst am Telefon am zu tun. »Das sind häufig gerade Frauen oder Männer mit Familie, die das Fest zu Hause genießen. Sie haben das Bewusstsein: Wir sind in einer geborgenen Situation - und möchten gerade darum auch für andere da sein.«

Was tun, damit es gar nicht zur Krise kommt?

Was kann man tun, damit es erst gar nicht zur großen Weihnachts-Krise kommt? »Wir haben keine Rezepte«, betont Pfarrer Wolfgang Schinkel. »Impulse« könne er aber durchaus geben.

Familienstreit entstehe häufig, weil allzu hochfliegende Hoffnungen enttäuscht werden. Besonders »tödlich« seien Erwartungen an Angehörige, die man gar nicht ausspricht in der Annahme, der andere müsse sie »spüren« oder sie seien doch selbstverständlich. Sinnvoller wäre es, auf erwachsene Weise Wünsche aneinander zu formulieren - nicht nur zu Weihnachten. Was die Gestaltung der Feiertage betrifft, plädiert Schinkel für: »Weniger ist mehr«. Weder Geschenke noch Mahlzeiten müssten unbedingt üppig ausfallen. Abschied nehmen sollte man vielleicht auch von der Vorstellung, dass die Familie tagelang harmonisch zusammensein muss.

Wer allein ist, neige manchmal dazu, in den Adventswochen alle Gedanken an die Feiertage abzuwehren - und dann an Heiligabend in ein emotionales Loch zu fallen. Besser wäre es, rechtzeitig etwas zu planen: Etwa sich mit anderen verabreden oder sich informieren über Veranstaltungen vor Ort. »Viele Kirchengemeinden machen gerade an diesen Tagen Angebote für Alleinstehende.«

Angebot steht jedem offen - Ehrenamtliche gesucht

Die Telefonseelsorge ist für jeden da - anonym, kostenlos, rund um die Uhr, unabhängig von Religionszugehörigkeit. Die Nummern lauten bundesweit einheitlich 0 800/111 0 111 und 0 800/111 0 222. Auch per E-Mail kann man sich an die Einrichtung wenden unter <%LINK auto="true" href="http://www.telefonseelsorge.de" text="www.telefonseelsorge.de" class="more"%>.

Die Telefonseelsorge Gießen-Wetzlar zählte im vergangenen Jahr über 18 000 Anrufe und hat derzeit 54 Ehrenamtliche. Weitere geeignete Freiwillige werden gesucht. Sie werden in einer umfangreichen Ausbildung auf ihren Dienst vorbereitet und später mit Supervision begleitet. Der nächste Kurs startet im Februar. Interessenten können sich melden unter Tel. 06 41/33 00 9.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Adventswoche
  • Evangelische Kirche
  • Familienkonflikte
  • Feiertage
  • Geschenke und Geschenkartikel
  • Heiligabend
  • Pastoralreferentinnen und Pastoralreferenten
  • Vulkanausbrüche
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos