16. Januar 2017, 19:11 Uhr

Ein besonderes Genre

Gießen (jou). Obwohl das romantische Melodram leichter zugänglich scheint, erfährt es weit weniger Beachtung als das Kunstlied jener Zeit. Dem Pianisten Wolfgang Schult sowie den Sprechern Thomas Braas und Markus Brand gebührt Lob, sich in der Kapelle der Vitos-Klinik mit großer Hingabe der Gattung gewidmet zu haben. Einziger Wermutstropfen: Die Einführung des Pianisten hätte angesichts des Seltenheitswerts des Programms ruhig etwas ausführlicher ausfallen können.
16. Januar 2017, 19:11 Uhr
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Von Sascha Jouini
Gar nicht melodramatisch freuen sich Thomas Braas, Wolfgang Schult und Markus Brand (von links) am Ende des Konzerts über viel Applaus und Blumen. (Foto: jou)

Gießen (jou). Obwohl das romantische Melodram leichter zugänglich scheint, erfährt es weit weniger Beachtung als das Kunstlied jener Zeit. Dem Pianisten Wolfgang Schult sowie den Sprechern Thomas Braas und Markus Brand gebührt Lob, sich in der Kapelle der Vitos-Klinik mit großer Hingabe der Gattung gewidmet zu haben. Einziger Wermutstropfen: Die Einführung des Pianisten hätte angesichts des Seltenheitswerts des Programms ruhig etwas ausführlicher ausfallen können.

Franz Schubert komponierte sein Melodram »Abschied von der Erde« 1826 auf einen Text von Adolf von Pratobevera, in dem das lyrische Ich innerlich gereift und gefasst dem Tod entgegensieht. Braas trug den Text mit feinem Gefühl für den Sprachrhythmus und Tonfall vor. Ganz andere, dramatische Züge machten sich in Robert Schumanns »Ballade vom Heideknaben« (nach Friedrich Hebbel) breit. Parallelen in der Sprach- und Klaviermelodie sorgten hier für eine enge Verzahnung der beiden Parts; dabei erwies sich Brand als ebenso versierter Rezitator. In Schumanns »Die Flüchtlinge« unterstrichen markante Oktavgänge und perfekt akzentuierte Akkorde die Spannung. In dessen Vertonung der zwölfstrophigen Hebbel-Ballade »Schön Hedwig« gefiel gleichermaßen die musikalische Souveränität des Pianisten. Brand weckte mit klarem Vortrag bildhafte Assoziationen der Geschichte um eine Brautwerbung. Selbst Eduard Hanslick, der dem Melodramgenre kritisch gegenüberstand, konnte sich bei einer Aufführung der beiden Hebbel-Balladen »eines verhältnismäßig reinen Eindrucks erfreuen«.

Der Berichterstatter teilt indes nicht Hanslicks grundsätzlichen Einwand, dass sich im Melodram »die Musik vom gesprochenen Worte spröde sondert, wie Öl und Wasser«, vielmehr bewies etwa die lebhafte Schilderung einer mitreißenden Rettungsaktion auf einem Segelschiff in Friedrich Hummels Ballade »Nis Randers« (nach Otto Ernst), dass sich die beiden Elemente sehr wohl wechselseitig befruchten, ein großes Ganzes bilden können. Raffiniert vergegenwärtigte die Tonmalerei im Klavier das brausende Meer.

In Kontrast zu Franz Liszts tiefernstem Stück »Der traurige Mönch« (Nikolaus Lenau) begann »Die Brautfahrt« von Wilhelm Kienzl (Joseph von Eichendorff) ganz feierlich und zuversichtlich, nahm dann allerdings eine tragische Wendung. Mit Max von Schillings »Hexenlied« nach einer Ballade von Ernst von Wildenbruch wurde ein besonders umfangreiches und anspruchsvolles Melodram an den Schluss gestellt; fantasievoll ersetzte Schult hier ein Orchester. Die Hörer dankten den drei Künstlern für das bereichernde Konzert mit herzlichem Beifall.



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