Stadt Gießen

Ein bayerischer Anarchist

Einmal im Jahr küren die Mitglieder der Krimiautorenvereinigung Syndikat zur Criminale aus ihren Reihen den besten Krimischreiber. In diesem Jahr fiel die Wahl auf den Münchener Schriftsteller Franz Maria Sonner, der unter dem offenen Pseudonym Max Bronski mit seinen Kriminalromanen um den Antiquitätenhändler Gossec bekannt geworden ist und 2017 mit seinem Krimi »Oskar« das Genre sprengende Maßstäbe gesetzt hat. Aus eben jenem Buch las der 66-Jährige am Dienstagabend im vollbesetzten Saal des Mathematikums im Rahmen des Krimifestivals.
30. Oktober 2019, 21:43 Uhr
Karola Schepp

Einmal im Jahr küren die Mitglieder der Krimiautorenvereinigung Syndikat zur Criminale aus ihren Reihen den besten Krimischreiber. In diesem Jahr fiel die Wahl auf den Münchener Schriftsteller Franz Maria Sonner, der unter dem offenen Pseudonym Max Bronski mit seinen Kriminalromanen um den Antiquitätenhändler Gossec bekannt geworden ist und 2017 mit seinem Krimi »Oskar« das Genre sprengende Maßstäbe gesetzt hat. Aus eben jenem Buch las der 66-Jährige am Dienstagabend im vollbesetzten Saal des Mathematikums im Rahmen des Krimifestivals.

Zwei Bronski-Krimis waren bereits in früheren Gießener Krimifestivallesungen zu erleben und hatten mit prominenten Vorlesern wie Michael Fitz und Tim Bergmann beim Publikum punkten konnten. Nun also trat der Autor selbst als Präsentator eines seiner Texte auf - durchaus mutig, denn ein genialer Schreiber muss nicht automatisch auch ein guter Rezitator sein. Doch der tiefenentspannt wirkende Bronski machte seine Sache durchaus überzeugend und absolvierte den Auftritt komplett in stehender Position. Dabei wurde schnell deutlich, dass »Oskar« bei allem Witz und Ironie kein leicht zu konsumierender Roman ist, sondern »ein Krimi mit hoher Sogwirkung, stimmig von der ersten Zeile bis zum raffinierten Ende«, wie ihn eben schon das Syndikat zur Glauser-Preisvergabe gelobt hatte.

»Der größte Fehler ist es, den Leser für dumm zu verkaufen«, betonte Bronski. »Ein Krimi kann und soll mehr bewegen als nur einen schönen Kriminalfall.« Und in der Tat ist sein »Oskar«, in dem ein Mann ohne Erinnerung in einem Sarg aufwacht, alles andere als simples »Bauerntheater« oder Regionalkrimi mit gefälligem Bayernkolorit, auch wenn ein grantelig-bayerischer Anarchist im Mittelpunkt der Handlung steht. Hier geht es, in den Erinnerungs-Flashbacks des Protagonisten, um mehr: um ein gesellschaftlich interessantes Thema, um eine Familientragödie und den Konflikt zwischen Italienern, Österreichern und Deutschen im Alpengebiet Südtirols.

Bronski erzählt, ausgehend von dem Aufwachen des namenlosen Ich-Erzählers im Sarg auf dem Weg zum Krematorium, nur mit albernen Boxershorts bekleidet, von dessen Kampf zurück ins Leben. Im Englischen Garten kann sich »Oskar« als Mitarbeiter im Kiosk von Gabriel Lanzinger über Wasser halten, Anschlägen italienischer Auftragskiller trotzen und auch seine beiden »Kopfinsassen« Erlacher und Wolfsgruber, die ihm wie Engelchen und Teufelchen mit ihren Parolen im Hirn rumspuken, in Schach halten. Doch dass sich ausgerechnet Kioskbesitzer Lanzinger als anarchischer Guerillakämpfer entpuppt und auch Oskar eine Vergangenheit als Attentäter zu haben scheint, macht die Sache kompliziert - und für die Leser ausgesprochen spannend. Bronskis klug gewählte Leseausschnitte machten jedenfalls Lust auf weitere Lektüre und der Büchertisch wurde eifrig frequentiert. (Foto: pm/Frese)

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/stadtgiessen/Stadt-Giessen-Ein-bayerischer-Anarchist;art71,640383

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