30. Oktober 2011, 18:53 Uhr

»Ein Volksfeind« im Kampf gegen die Schwätzer

Premiere im Stadttheater: Dirk Schulz wagt sich an Henrik Ibsens Drama in einem beeindruckenden Bühnenbild von Bernhard Niechotz.
30. Oktober 2011, 18:53 Uhr
Doktor Stockmann (Roman Kurtz, r.) ist verärgert über seinen Bruder Peter (Timo Ben Schöfer), der seine Macht als Bürgermeister ausspielt.

Wer Norwegen kennt, weiß wie zerklüftet die Felsformationen an der schroffen Küste ausfallen können, die keinen Fehltritt verzeihen. Auf gefährlichem Boden balancieren auch die Akteure in Henrik Ibsens Drama »Ein Volksfeind«, das jetzt am Samstagabend Premiere im Stadttheater hatte. Bernhard Niechotz hat verschobene Gesteinsplatten in Form von Schollen übereinander geschichtet und diese unwirtliche Landschaft im Hintergrund auf der einen Seite mit Fotos von spuckenden Geysiren, auf der anderen mit Bildern von einem Wasserfall begrenzt.

Das Wasser nämlich spielt eine entscheidende Rolle im aussichtslosen Kampf des Doktor Stockmann, der als umsichtiger Badearzt herausgefunden hat, dass die sprudelnde Quelle des Kurortes mit Bakterien verseucht ist. Was anfangs von den Vertretern der Presse als sensationelle Nachricht gehandelt wird, entpuppt sich alsbald als Schreckgespenst für die gesamte Bevölkerung, würde eine Sanierung der Badeanstalt die Ressourcen der Stadtkasse sprengen, zudem der Geldhahn für alle profitierenden Bewohner erst einmal zugedreht werden.

Dirk Schulz, Spezialist für schwierige Stücke und komplizierte Charaktere – er hat zuletzt Anfang des Jahres Max Frischs »Graf Öderland« in Szene gesetzt –, wagt sich auch diesmal an den heiklen Stoff, der nicht ganz einfach auf der Bühne umzusetzen ist. Auch Schulz beißt sich daran die Zähne aus und scheitert partiell – nicht nur weil ihm der ohnehin langatmige vierte Akt trotz Kürzungen aus dem Ruder gerät, sondern weil er einige Figuren dieses politischen Ränkespiel allzu sehr der Lächerlichkeit preisgibt.

Glänzend herausgearbeitet ist allerdings der Bruderzwist, stehen dem Regisseur mit Roman Kurtz als Arzt und Timo Ben Schöfer als Bürgermeister zwei souveräne Protagonisten zur Verfügung. Kurtz spielt einmal mehr seine Trümpfe als Meister der Textmassen aus. Bewundernswert, wie er scheinbar mühelos den riesigen Monolog im vierten Akt bewältigt und auch sonst den naiven Wahrheitsfanatiker in all seinen versponnenen Facetten zeigt. Ihm gegenüber entwirft Schöfer, als Gast für diesen Part gut ausgewählt, das klare Bild eines Machtmenschen, der sich rhetorisch gewandt und mit sonorer Stimme die Butter vom Brot nicht nehmen lässt, sprich die unbequemen Veröffentlichungen einfach unterbindet. Auch optisch werden unweigerlich Erinnerungen an Ex-Kanzler Gerhard Schröder geweckt.

Nicht alle reichen an die Präsenz der beiden Hauptdarsteller heran. Erstaunlich blass bleibt Ana Kerezovic, die als Stockmanns Ehefrau eigentlich vehement versuchen müsste, den drohenden finanziellen Untergang der Familie aufzuhalten, doch stattdessen mehr oder weniger tatenlos danebensteht. Eine gewisse Aufmüpfigkeit ist hingegen Mirjam Sommer als Tochter Petra zu eigen, die sich nicht alles gefallen lassen will. Einen Hauch von Geheimnis bewahrt sich Gottfried Herbe als Stockmanns Schwiegervater, der als wohlhabender Gerbermeister die Familie eigentlich unterstützen könnte, doch andere, überraschende Pläne verfolgt.

Eine nicht ganz leichte Aufgabe hat Kai Hufnagel übernommen, der – ebenfalls als Gast – kurzfristig in der letzten Probenwoche für den erkrankten Frerk Brockmeyer als Redakteur Hovstad eingesprungen ist. Die Textunsicherheiten – gerade zu Anfang der zweieinhalbstündigen Aufführung – sind daher nur allzu verständlich.

Doch unverständlich bleibt der alberne Regieeinfall, ihn und den Buchdrucker Aslaksen bei ihrem letzten gemeinsamen Auftritt im Hause Stockmann mit Taucherbrille und Schwimmflossen auszustatten. Es wäre auch so deutlich geworden, dass die beiden als Wendehälse mit ihren hanebüchenen Theorien sich ohnehin aufs Glatteis begeben. Und Milan Pešl lässt diesen Aslaksen, als Vorsitzender des Grundbesitzer- sowie Mäßigkeitsvereins eigentlich jener Typus des unangenehm werdenden Kleinbürgers, gänzlich in die Karikatur abgleiten.

Das ist genauso überflüssig wie die Tiermasken, die sich die Wortführer in der turbulenten Bürgerversammlung überstülpen müssen. Auch wenn die Idee, die Bühne im vierten Akt mit einigen Pappkameraden der Gießener »Drei Schwätzer« zu bevölkern, eigentlich originell wirkt.

Trotz aller Zwiespältigkeit dieser Inszenierung verblüfft die zeitlose Aktualität dieses Stückes, das immerhin schon 1883 in Oslo uraufgeführt wurde. Der Norweger Ibsen zeichnet darin messerscharf die Mechanismen der Macht nach, der sich aufmüpfige Bürger unterordnen müssen – auch wenn ihre Argumente durchaus der Wahrheit entsprechen. Daran hat sich bis heute erschreckenderweise nichts geändert. Marion Schwarzmann

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