17. Dezember 2018, 11:00 Uhr

Haarlem

Ein Stück vom Kultort Haarlem

Der wohl ungewöhnlichste Flohmarkt des Jahres in Gießen lockt viele nostalgische Besucher an. Auch die Kellerkneipe selbst erlebt derzeit viele Gäste, die ihre Geschichte erzählen.
17. Dezember 2018, 11:00 Uhr
Plakate, T-Shirts, Liegestühle und noch so viel mehr: Beim Flohmarkt im Haarlem-Biergarten findet jeder Gast sein ganz eigenes Stück der Gießener Kultkneipe. (Foto: csk)

Ein Kultort löst sich in seine Bestandteile auf. Beim Haarlem ist das am Sonntag durchaus wörtlich zu verstehen. Negativ gemeint ist es aber nicht. Mit einem Flohmarkt bietet die traditionsreiche Kellerkneipe gut zwei Wochen vor der Schließung Fans die Gelegenheit, ihr ganz eigenes Erinnerungsstück mit nach Hause zu nehmen. Vom Aschenbecher bis zum Barhocker, vom Bierkrug bis zum Glücksrad reicht das Angebot. Wenige Minuten nach der Eröffnung des wohl ungewöhnlichsten Räumungsverkaufs des Jahres drängen sich die Besucher bereits dicht an dicht durch den Biergarten.

Die etwa 15 Haarlem-Liegestühle sind zu diesem Zeitpunkt schon alle verkauft. 20 Euro kostet das Stück. Der Kultfaktor ist aber eigentlich unbezahlbar, meinen Philipp und Johannes Wolf aus Ruttershausen. Sie gehören zu den Glücklichen, die sich noch ein Exemplar sichern konnten. Mit dem Haarlem verbinden die Cousins »vor allem viele gute Zeiten«, sagen sie. Und die Stühle sollen nun dafür sorgen, dass diese lange im Gedächtnis bleiben – auch wenn der Schauplatz bald nicht mehr existiert.

 

Wandrelief als Souvenir?

Jasmin Lerm hingegen wird einige Angebote so schnell nicht vergessen, die sie in den vergangenen Wochen erhalten hat. Fast täglich hört die Geschäftsführerin des Haarlem momentan, ob dieses oder jenes vom Inventar zum Verkauf stehe. »Ein Gastronom wollte neulich unsere Kühlschränke haben«, erzählt sie, ein Stammgast interessierte sich für die Wandkarte an der Theke. Und die skurrilste Anfrage? »Ein Mann möchte am letzten Tag das Wandrelief als Souvenir herausbrechen.« Ob man ihm das erlaubt, sei noch nicht entschieden.

Wandschmuck gibt es auch an diesem Sonntag jede Menge, etwa Plakate, Schilder und aufblasbare Riesenbierflaschen. Timo Menig bevorzugt »brauchbare Dinge«. Einen ganzen Karton voller Fundstücke schleppt der 23-Jährige zum Ausgang: Holzteller, Bembel, Bierflaschen, ein Pullover und zwei Würfel – völlig zu Recht bezeichnet sich Menig als »ordentlich eingedeckt«. All die Gebrauchsgegenstände sind nostalgisch aufgeladen: »Das Haarlem ist einfach ein besonders schöner Ort in Gießen. Also, das war es. Oder nein, ist es ja noch«, fasst der junge Mann seine Gefühle in Worte.

 

Ältere erzählen ihre Geschichten

Ältere Besucher sind auf dem Flohmarkt derweil eindeutig in der Minderheit. Dabei fällt auch ihnen der Abschied vom Haarlem schwer, weiß Mitarbeiter Diether Litke. »In letzter Zeit kommen generell immer mehr Gäste«, sagt er, »gerade auch viele ältere Leute.« Oft sitzen sie am Tresen, nehmen eher still Abschied – und geben irgendwann ihre Haarlem-Geschichte zum Besten. »Vor ein paar Tagen wollte jemand einen 20 Jahre alten Eintrittsgutschein einlösen«, berichtet Litke. Ein anderer Gast entpuppte sich als ehemalige Mitarbeiterin. Sie klärte Litke auf, dass die heutige Abstellkammer früher einmal das Damenklo war.

Die meisten Flohmarkt-Besucher werden ihr Haarlem in den kommenden zwei Wochen noch häufiger betreten. Julia Ponkratz hat das ebenso fest vor wie Fabian Henn und Benjamin Beil. Die junge Frau und die beiden Kumpel sind jeweils bei den Schildern fündig geworden. Dass die darauf vermerkten Bierpreise einst im Haarlem galten, erkennen unwissende Betrachter zwar nicht ohne Weiteres. »Dafür halten die Dinger aber auf jeden Fall gut«, erklärt Henn seine Kaufentscheidung. »Ein Bierglas ist kaputt, sobald es einmal runterfällt.« Und eines sei klar, fügt der Student noch hinzu: Das ganz persönliche Stück Haarlem sei für die Ewigkeit gekauft.

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