14. Februar 2019, 22:08 Uhr

Ein Stück Erinnerungsarbeit

14. Februar 2019, 22:08 Uhr
Walerija Beitman vor einem ihrer Werke.

Die besondere Atmosphäre des alten Brauereikellers im Unteren Hardthof wird von Künstlern gern genutzt. Nur selten noch gibt es Räume, die so ursprünglich und roh wirken. Und derart groß sind. Die Ziegelwände und -gewölbe mit dem unregelmäßigen Putz verströmen den Atem von Geschichte. Das nutzt auch Walerija Beitman für die Präsentation ihrer Abschlussarbeit im Masterstudium Kunst. Bestärkt durch ihren Professor hat sie sich mit dem Thema Jüdische Kultur zugewendet, was auch zu ihrer Familiengeschichte gehört. Sie hat mehrere großformatige Gemälde geschaffen mit faszinierenden Innenraum-Ansichten von Synagogen. Dazu gesellt sich eine fragile Brückenkonstruktion als Rauminstallation und eine Fragmente-Arbeit.

Die Beitmans Eltern sind ebenfalls Kunstschaffende, die Mutter Schauspielerin, der Vater Regisseur. Die Familie kam 1996 aus der Ukraine nach Deutschland. Walerija war drei Jahre alt, sie hatte es etwas einfacher mit der Eingewöhnung als ihr zehn Jahre älterer Bruder. Die Eltern gründeten ein jüdisches Theater in Rostock, das sie fast 20 Jahre führten. »Ich bin quasi auf der Bühne aufgewachsen, war immer dabei. Die Schließung war für mich ein echter Abschied«, sagt sie.

Ihr Studium hat sie zuerst in Greifswald absolviert, in Kunstgeschichte und bildende Kunst, Theorie und Praxis also. Ein Job im dortigen Kultur- und Begegnungszentrum brachte sie 2015 in Kontakt mit vielen Flüchtlingen, völlig unvorbereitet. Aber sie reagierte fix und organisierte Deutschkurse, lernte viel im Umgang mit Menschen. 2016 nahm sie an der Gießener Universität ihr Masterstudium in Kunst auf. Sie jobt auch hier neben dem Studium.

Nein, mit jüdischer Kultur hatte sie sich in ihrer Kunst bislang nicht beschäftigt, sagt sie auf Nachfragen. Sie befürchtete Negativreaktionen, aber: »Es hat mich sehr stark beschäftigt.« Und das merkt man den Bildern an. Die Innenräume sind fotografischen Vorlagen nachempfunden, jedoch nicht kopiert. Sowieso waren die Fotos klein und schwarzweiß, zeigen Synagogen, die in der Reichspogromnacht zerstört wurden. Sie hat also ein Stück kollektive Erinnerungsarbeit geleistet. Zugleich wollte sie eine Atmosphäre herstellen, die Hoffnung und Energie ausstrahlt. Das ist ihr durch intensive Lichtwirkung im Bild gelungen ist. Da ist ein Leuchten aus dem Innern der Räume, das alle Brüchigkeiten überstrahlt. Aus verschwommenen Farbgründen erstehen deutlich erkennbare Architekturelemente und Einrichtungsteile.

Mit ihrer fragilen Brücke aus Holzlatten verweist sie auf die Brücke im Warschauer Getto, aber auch generell auf die Funktion einer Brücke. Im dritten Raum nimmt sie Bezug auf vorhandene Pfeilerreste im Boden, die sie an die Stolpersteine von Gunter Demnig erinnern. Sie hat quadratische Teilbilder eines großen Bildes geschaffen, wie ein Puzzle, dessen gemeinsame Linien man suchen und finden kann. Dieses vom Ausstellungsort inspirierte Werk mag auch Synonym für ihre Suche nach Identität sein. (Foto: dkl)

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