28. Juli 2013, 20:58 Uhr

Ein Platz zum Verlieben an der Lahn

Gießen (mö). Über die Lahn weht eine frische Brise, unten zieht gerade ein Vierer seine Bahn, links glitzert die aufgestaute Wasserfläche vor dem Bootshaus der GRG in der Sonne. Es ist ein Platz zum Verlieben hier oben auf dem schattigen, halbrunden Balkon, fünf Meter über der Lahn.
28. Juli 2013, 20:58 Uhr
Das »Haus Schmall« an der Lahn steht jetzt unter Denkmalschutz. (Foto: Schepp)

Generationen der Gießener Unternehmerfamilie Schmall haben diese Aussicht genossen. Der aktuelle Eigentümer Karl-Heinrich Pfeffermann hat nun dafür gesorgt, dass das 83 Jahre alte »Haus Schmall« an der Lahn ein besonderes Qualitätssiegel erhalten hat, die Aufnahme des Anwesens in die Liste der Gießener Kulturdenkmäler.

Im April hatte Pfeffermann die Bestätigung durch das Hessische Landesamt für Denkmalpflege erhalten, dass der Gebäudekomplex mit der Adresse Bootshausstraße 18 in die Denkmaltopographie der Universitätsstadt Gießen im Internet aufgenommen wird. »Ich empfinde das als Wertschätzung und Bestätigung meiner Bewertung«, sagt der Eigentümer.

Seit 2008 lebt der 56-jährige Pfeffermann wieder in Gießen und bezog das Zweithaus der Familie. Der südliche Wohnbereich wurde 1930 von seinem Großonkel Heinrich Schmall errichtet, nachdem auf dem Gelände bereits zwei massive Eishallen standen, die nach 1860 gebaut worden waren.

Bullaugen und Steuerhaus

Schmall beauftragte den bekannten Gießener Architekten Ernst Schmidt mit der Planung eines Hauses, das eine schiffartige Form erhalten sollte. Denn die Gebrüder Schmall waren dem Gießener Rudersport verbunden und sowohl in der GRG als auch im »Verein Rudersport 1913« engagiert, einer Abspaltung der Rudergesellschaft. So entstanden die Bullaugenfenster, der steuerhausartige Aufbau sowie der Krähennest-Balkon. Mit dieser Gestaltung lieferte der Architekt gleich zwei Gründe, das Anwesen jetzt unter Denkmalschutz zu stellen: einen sport- und einen bauhistorischen, denn Schmidt lehnte sich eng an den damals modischen Bauhausstil an.

Hinzu kommt dann noch die wirtschaftshistorische Bedeutung, die mit der früheren Nutzung der alten Eishallen zusammenhängt. Dort lagerte der Getränkehändler Schmall das aus der Lahn im Winter geschnittene Eis, um im Sommer gekühlte Ware ausfahren zu können. »Die Gießener haben das Eis aber auch genutzt, um ihre Lebensmittel zu kühlen. Das Eis war ein früher Kühlschrank«, erklärt Pfeffermann.

Zur Tradition des Hauses gehört auch die Fahne mit dem Gießener Stadtwappen, die über dem »Haus Schmall« weht. Dafür bedurfte es übrigens einer Genehmigung der Stadt. Mit der steht Pfeffermann in Kontakt, um die Nutzungsmöglichkeiten für Haus und Garten auszuloten, denn das zwischen GRG und SKC gelegene Anwesen steht im Außenbereich.

»Kleinod und Solitär«

Um dort bauen zu können, hatte Heinrich Schmall 1930 eine Befreiung vom »Ortsbaustatut« beantragt und erwirkt. Die Wohnnutzung beschränkt sich bislang auf das Obergeschoss des 1930 entstandenen Gebäudeteils. »Das ist ein Kleinod und ein Solitär, den ich sichern und aus dem Dornröschenschlaf holen will«, sagt Pfeffermann, der die Unterschutzstellung als auch kleinen historischen Beitrag zur Landesgartenschau ansieht. »An der Lahn entsteht momentan viel Neues. Das ist der richtige Zeitpunkt, auch einmal an das Alte zu erinnern.«

So erinnert sich der traditionsbewusste Erbe an seine Kindheit, wenn die Familie im Sommer an die Lahn umzog. »Damals gab es auf dem Grundstück noch einen kleinen Teich«. Denn bevor die Lahn in diesem Bereich zur Wettkampfstrecke für die Ruderer ausgebaut worden sei, habe es eine Vielzahl von Buchten mit Schilfgürteln gegeben. Bei der Flussregulierung sei eine Bucht abgeschnitten worden, und so sei der Teich entstanden. Und natürlich habe er gerudert, bei der GRG, bei der sich mittlerweile auch der Sohn erfolgreich in die Riemen legt.

Pfeffermann holt alte Fotos herbei; herrliche Schwarz-Weiß-Aufnahmen von Ruderbooten, die an den Schilfgürteln und dem »Haus Schmall« vorbeiziehen. Aber auch 100 Jahre nach der Gründung des »Vereins Rudersport« ist dieser Platz noch immer einer zum Verlieben.

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