13. September 2019, 22:08 Uhr

Ein Nahkämpfer entschuldigt sich

13. September 2019, 22:08 Uhr

Der Beschuldigte wirkte besonnen, seine Ausführungen ruhig und bedacht - nur: Inhaltlich stimmten sie selten mit dem überein, was die Zeugen zu den einzelnen Straftaten aussagten. Am zweiten Tag der Hauptverhandlung, an dem wegen des erhöhten Alkoholkonsums des Angeklagten auch ein psychiatrischer Gutachter hinzugezogen worden war, wurde dem 40-jährigen Beschuldigten noch einmal die Anklageschrift vorgetragen: Es geht um Körperverletzungen, Bedrohungen und Beleidigungen, die der Angeklagte zwischen dem 23. Januar und dem 7. April begangen haben soll.

Staatsanwalt Moriz Leo Musinowski konnte dabei einen Punkt streichen. Nach einer Auseinandersetzung am 23. Januar mit einem Autofahrer aus Burgwald stellte der Vorsitzende Richter im Amtsgericht Gießen, Jürgen Seichter, auf Antrag des Staatsanwaltes das Verfahren vorläufig ein. Von einer Einstellung des Verfahrens ist man beim nächsten Anklagepunkt weit entfernt. Hier soll der Beschuldigte, ein staatenloser Tschetschene und ausgebildeter Nahkämpfer, am 30. Januar einem 26-jährigen Polizeibeamten gegen den Kopf getreten hat, wobei dieser auf eine Holzbank aufgeschlagen ist. Der junge Polizist, der mit Kollegen in Gießen unterwegs war, konnte vier Wochen keinen Dienst verrichten und erlitt eine Gehirnerschütterung. Der stark angetrunkene Beschuldigte ließ durch seinen Verteidiger, Markus J. Frank, dem Geschädigten im Gerichtssaal 1000 Euro im Rahmen des Täter-Opfer-Ausgleichs aushändigen. Die Entschuldigung des Angeklagten nahm der Geschädigte an.

Viele Erinnerungslücken

Ebenfalls Geld über den Tisch wanderte bei einer Behandlung einer weiteren Körperverletzung vom 27. Februar, als sich der Angeklagte beim Billardspielen in einem Gießener Lokal von einem anderen Gast gestört fühlte und diesen dann attackierte. Die Versuche des späteren Opfers, nach einem möglichen, aber auf jeden Fall versehentlichen Rempler die Sache zu beruhigen, schlugen fehl. »Er hat ihm unerwartet einen Schlag versetzt«, stellte der Richter fest. Das wollte der Angeklagte aber nicht so stehen lassen. »Das war nicht unerwartet«, behauptete der 40-Jährige, »er hat mich ja angesprochen.« Auch bei dieser Tat war der Mann wohl betrunken. Er entschuldigte sich bei dem 22-jährigen, ebenfalls Russisch sprechenden Opfer, und zahlte 500 Euro im Rahmen des Täter-Opfer-Ausgleichs.

Zweimal trat der Beschuldigte in den frühen Morgenstunden des 7. April unangenehm in Erscheinung. Kurz nach Mitternacht beschädigte er die Scheibe einer Bar in der Frankfurter Straße (Schaden: 350 Euro), geriet mit dem spanischen Besitzer aneinander, beleidigte ihn und schlug ihn. Noch in derselben Nacht soll der Tschetschene bei einem Flaschenwurf einen 27-jährigen aus Linden, der auch als Nebenkläger am Prozess teilnahm, am Kopf getroffen haben. Dabei wurden ihm drei Zähne abgeschlagen und Schnittverletzungen im Gesicht zugefügt. Der Beschuldigte konnte sich an den Flaschenwurf nicht erinnern.

Viele offene Fragen: Vielleicht finden sich ja am kommenden Dienstag, dem dritten Verhandlungstag, Antworten.

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