17. Februar 2016, 18:00 Uhr

Ein Leben in Alarmbereitschaft

Feuerwehrleute riskieren ihr Leben, um andere zu retten. Klingt vielleicht ein wenig abgedroschen, ist aber so. Für unsere Serie »24 Stunden – 24 Menschen« haben wir solch’ einen Lebensretter um 17 Uhr in der Feuerwache besucht. Oberbrandmeister Volker Julius hat mit uns über seine Arbeit gesprochen – und über Erlebnisse, die er nie vergessen wird.
17. Februar 2016, 18:00 Uhr
Volker Julius braucht nur 60 Sekunden, bis er in voller Montur im Fahrzeug sitzt. (Foto: Christoph Hoffmann)

Das Telefon klingelt. Volker Julius hebt ab – und erstarrt. Der Mann am anderen Ende droht damit, sich und seine Frau zu töten. Julius lässt ihn reden. Zuhören, statt selber sprechen. Wenn Julius doch etwas sagt, zeigt er dem Mann Auswege auf, bietet Hilfe an. Immer so, dass der Anrufer die Entscheidungsgewalt behält. Julius will beruhigen. Und vor allem: Zeit gewinnen. 25 Minuten hält er den Mann in der Leitung. Dann trifft das Sondereinsatzkommando ein. Das Familiendrama endet ohne Blutvergießen.

Dieses 25-minütige Telefonat aus seiner Dienstzeit in der zentralen Leitstelle ist das erste, was dem 35-Jährigen in den Sinn kommt, wenn er nach einschneidenden Erlebnissen gefragt wird. Es liegt eine Weile zurück, trotzdem muss er immer wieder daran denken. »Ich habe einfach nur gehofft, das Richtige zu tun.«

In diesem Moment piept es. Nicht das Telefon, nicht der Feueralarm, die Mikrowelle meldet sich zu Wort. Während Oberbrandmeister Julius im Aufenthaltsraum der Feuerwache Steinstraße sitzt, bereitet sich ein Kollege ein Fertiggericht zu. Im Nebenraum sitzen zwei Männer vor dem Fernseher. Julius und seine Kollegen bilden heute die Nachtschicht von 16.30 bis 7 Uhr morgens. Die Szene erinnert ein bisschen an eine Studenten-WG. Der Unterschied: Statt Bier steht Cola auf dem Tisch. Die Männer müssen permanent mit einem Einsatz rechnen. Ein Feuer? Ein Unfall? Oder doch nur ein durch Zigarettenrauch ausgelöster Feuermelder? Wie es auch kommt: Julius und seine Kollegen sind vorbereitet. »60 Sekunden nach der Alarmierung sitzen wir in den Fahrzeugen«, versichert der 35-Jährige. »Am Anfang war man noch permanent angespannt. Das verliert sich aber. Sobald der Alarm losgeht, ist die Anspannung aber wieder da.« Ein gemütlicher Fernsehabend sieht anders aus.

Den verbringt Julius an seinen freien Abenden mit der Familie. Der 35-Jährige ist verheiratet und hat ein Kind. Der Sohn ist noch zu jung, um sich Sorgen um den Papa zu machen, Julius’ Ehefrau kennt hingegen die Gefahren, in die sich ihr Ehemann regelmäßig begibt. »Natürlich macht sie sich Sorgen«, sagt der 35-Jährige, er will seine Arbeit aber nicht überdramatisieren. »Wir haben hier bei der Gießener Feuerwehr erstklassige Sicherheitsvorkehrungen. Außerdem ist man nicht jeden Tag in Gefahr.« Dabei sind es nicht die auf den ersten Blick dramatischen Einsätze, die gefährlich sind. Kellerbrände sind zum Beispiel oft gefährlicher als sie für den Außenstehenden erscheinen. Die Sicht ist schlecht, der giftige Rauch, und wer weiß, ob der Eigentümer nicht gefährliche Stoffe im Keller gelagert hat. Auch nervlich sind solche Einsätze eine Herausforderung. Julius kann nie wissen, ob nicht eine bewusstlose Person auf dem Kellerboden liegt. »Auch Autounfälle können sehr belastend sein, vor allem, wenn Personen eingeklemmt sind«, sagt er. Es sei laut, hektisch, der Verletzte schreie, jeder Augenblick könne über Leben und Tod entscheiden.

Über solche Erfahrungen spricht Julius nicht nur mit seiner Familie, sondern auch mit den Kollegen. »Das hilft. Sie kennen solche Erlebnisse ja auch.« Ohnehin wirkt es so, als herrsche zwischen den Feuerwehrleuten eine besondere Gemeinschaft. Kein Wunder: Sie verbringen viel Zeit miteinander, nicht nur bei den Einsätzen, sondern auch beim Dienst in der Wache. Sei es in der Werkstatt, bei administrativen Aufgaben oder beim Sport. Jede Dienstschicht ist anders. Die Aufgaben reichen von der Atemschutzgerätewartung über Erste-Hilfe-Lehrgänge, Fahrzeugreparaturen und Geräteprüfungen bis zur Erstellung von Einsatzakten über Sondergebäude. Auch der Sport spiele eine wichtige Rolle. Ausdauer- und Krafttraining, Schwimmen und Mannschaftssport sind im Dienstplan fest verankert. »Das stärkt den Zusammenhalt.« Die Feuerwehrleute, in der Gießener Wache gehören drei Frauen dazu, essen gemeinsam, schlafen oft unter einem Dach. Und wenn es darauf ankommt, können Sie sich aufeinander verlassen.

Julius ist seit 2008 Feuerwehrmann. Seine Ausbildung zum Brandmeister absolvierte er in Frankfurt. Als er 2012 die Stellenanzeige der Gießener entdeckte und den Aufnahmetest bestand, war er froh. Nicht nur wegen des Wegfalls der Pendelei: »In Gießen ist das Aufgabengebiet breiter. Das liegt daran, dass wir viele unterschiedliche Tätigkeiten und Fahrzeugtypen haben. Man muss alles können.« In Frankfurt gebe es viele Wachen. Die eine sei für Hilfeleistung oder Wasserrettung, eine andere für Gefahrstoffeinsätze zuständig. Auf den meisten werde nur das Tagesgeschäft, also Brandbekämpfung und kleinere Hilfeleistungen abgedeckt. In Gießen sei das alles unter einem Dach konzentriert. Neben dem abwechslungsreichen Aufgabenfeld ist es aber vor allem der Wille, etwas Gutes zu tun, der Julius antreibt. »Man kann Menschen in Notlagen helfen. Ich würde diesen Beruf jederzeit wieder wählen.«  Christoph Hoffmann



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