11. Oktober 2019, 10:00 Uhr

Mensch, Gießen

Ein Leben an der Lahn

Man sagt, Flüsse seien Lebensadern. Für Gerhard Riess gilt das ganz gewiss. Sein ganzes Leben hat der 79-Jährige an der Lahn verbracht.
11. Oktober 2019, 10:00 Uhr
Gerhard Riess hat sein ganzes Leben an der Lahn verbracht. Als Deichgraf sorgt er dafür, dass am Fluss alles in Ordnung ist. (Foto: chh)

Wenn die Sonne scheint und sich der blaue Himmel auf der Wasseroberfläche spiegelt, ist die Lahn ein wundervoller Ort. Unzählige Menschen zieht es dann ans Ufer, sie stecken ihre Füße in den Fluss, schmeißen den Grill an oder trinken ein Bier. Leider scheint die Sonne heute nicht. Und auf der Wasseroberfläche spiegelt sich lediglich die graue Suppe, die am Himmel hängt. Gerhard Riess macht das nichts aus. Er liebt die Lahn auch bei bescheidenem Wetter. Schon sein ganzes Leben lang. »Ich schaue hier immer nach dem Rechten«, sagt der 78-Jährige, während er über den Hof des Hassia-Ruderclubs läuft. »Wenn es Probleme gibt, melde ich sie dem Schifffahrtsamt oder der Stadt.« Und das sogar in offizieller Funktion. Denn das langjährige Hassia-Mitglied ist der »Deichgraf«. Eine ehrenvolle Aufgabe, die ihm die Mitglieder des Ruderclubs vor zehn Jahren übertragen haben. Dabei wurde er einst sogar wegen »unrühmlichen Verhaltens« aus dem Verein ausgeschlossen.

Riess ist ein Kind der Weststadt. Er ist in der Rodheimer Straße nahe des Schlachthofs aufgewachsen. Eine harte Kindheit, wie er sagt. Der Vater war in russischer Kriegsgefangenschaft, die Mutter musste die sechs Kinder alleine über die Runden bringen. »Mein Vater kam erst 1950 wieder. Da war ich zehn Jahre alt. Vorher habe ich ihn kaum gekannt.« Und der Vater hatte Pläne für seinen Jungen. Maurer oder Schornsteinfeger sollte er werden, damit könne man gutes Geld verdienen. Doch der Sohn schlug den Ratschlag in den Wind. Nach seiner Zeit auf der Schillerschule in der Nordanlage begann er eine Lehre als Metzger.

Zu jener Zeit war der Gießener längst Hassia-Mitglied. Sein älterer Bruder hatte ihn mit zu den Ruderern genommen. Und Riess ruderte gerne. Achter, Vierer, Hauptsache Wettkampf auf dem Wasser. Doch dann, eines Abends, rutschte ihm eine folgenschwere Bemerkung heraus.

»Mein Vater hatte sich direkt nach seiner Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft wieder Schäferhunde angeschafft. Mit denen hat er dann auf dem Hundeplatz trainiert.« Und der Sohn wurde dabei eingebunden. Und wie: Riess musste einen Angreifer spielen, die Hunde verbissen sich in seinen Armschutz. So sollte es auch an jenem Abend sein. Doch sein Trainer hatte andere Pläne. Nach einer anstrengenden Ruderrunde wollte er Riess noch einmal auf das Wasser schicken. Aber der musste auf den Hundeplatz. »Mein Vater hätte mir was erzählt, wenn ich nicht gekommen wäre.« Das sagte Riess auch seinem Trainer. Mit dem Zusatz: »Du kannst mich mal am ....« Nicht nur der Coach, auch die Vorstandsmitglieder waren not amused. Wegen »unrühmlichen Benehmens« wurde er aus dem Verein geworfen. Einige Jahre später, der alte Vorstand war Geschichte, kehrte Riess zurück. Er wurde Schiedsrichter und Jugendwart, bis heute ist er dem Club treu geblieben.

»Da drüben wohne ich«, sagt Riess und zeigt auf ein Haus auf der gegenüberliegenden Lahnseite. Von dort kann er nicht nur die Lahn, sondern auch den Hassia-Hof einsehen. Das ist praktisch für den Senior. Denn neben seinem Amt als Deichgraf, für das er bei den »Lahnlust«-Veranstaltungen auch in ein historisches Gewand mit schwarzen Mantel und Dreispitz schlüpft, mimt er auch den »Haus- und Hofnarr« des Vereins, wie er den Posten des Hausmeisters selbst bezeichnet. Von seinem Schlafzimmer aus sieht er zum Beispiel, wenn einer der Vereinskollegen das Licht angelassen hat. Oder vergessen hat, die Garage zu schließen. Dann schwingt sich Riess auch noch zur späterer Stunde auf das Rad und fährt auf die andere Flussseite. »Durch den Tunnel«, sagt der Gießener und zeigt lächelnd auf den Durchstich. »Den haben sie nur für mich gebaut.«

Gut möglich, dass er mit diesem Humor auch seine Erika erobert hat. Damals, in einer Gießener Gaststätte. »Ich habe mich sofort in sie verknallt«, sagt Riess. Seine Eltern waren aber nicht gerade begeistert, als er ihnen von der bevorstehenden Hochzeit erzählte. »Erika brachte zwei Kinder mit in die Ehe. Das hat meinen Eltern nicht gepasst.« Statt auf seine Eltern zu hören, steuerte Riess noch ein drittes Kind dazu, die Familie war komplett.

Während seine Ehefrau in einer Gießener Fahrschule arbeitete, verdiente Riess sein Geld als Fleischer. Nach Stationen in unterschiedlichen Metzgereien der Region ergatterte er 1967 einen Posten in der Psychiatrischen Klinik in der Licher Straße. Erst in der Küche, später saß er dann bis zur Rente an der Pforte.

Es ist bereits 16 Jahre her, dass sich Riess aus dem Arbeitsleben verabschiedet hat. Leider kann er den Ruhestand nicht mit seiner Erika verbringen. Seine Ehefrau ist bereits vor zehn Jahren gestorben. Sie war erst Mitte 60. Riess war damals mit seinen Hassia-Kollegen wandern. »Plötzlich klingelte mein Handy. Es war die Nachbarin. Sie sagte mir: Gerhard, du musst schnell kommen, deiner Erika geht es nicht gut.« Als Riess das Zuhause erreichte, war schon der Notarzt da. Im Krankenhaus verstarb sie. »Wir wissen bis heute nicht warum«, sagt Riess. »Wir wollten keine Autopsie.«

Für die Familie war das ein Schock, sagt der Gießener, aber gemeinsam habe man die schwere Zeit überwunden. Mit den Kindern und deren Familien reiste er auch wieder nach Griechenland, dem Sehnsuchtsort von Riess und seiner Frau. »Ich war schon über 30 mal dort«, sagt der Senior. Zu seiner Freizeit gehört es auch, seine Tochter, eine Jägerin, bei der Treibjagd zu begleiten. Noch lieber als im Wald ist er aber am Wasser.

Die Lahn hat ihm Leben des Gießener immer eine große Rolle gespielt. Als Kind hat er hier schwimmen gelernt, als Jugendlicher das Rudern. Neben der Hassia ist er auch beim Marineverein aktiv. Als Kapitän schippert er Vereine, Geburtstagsrunden, Familien oder Junggesellenabschiede über den Fluss und spinnt dabei allerhand Seemannsgarn. Das Wetter spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Hauptsache Lahn.

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