21. Juli 2017, 19:22 Uhr

Ein Kieselstein für Drogentote

Fünf Menschen aus Stadt und Kreis Gießen sind in diesem Jahr schon an ihrer Drogensucht gestorben. Ihnen und den vielen anderen deutschen Drogenopfern war am Freitag ein Gedenktag gewidmet. Auch Lena nahm teil. Sie kennt den Kampf gegen die Sucht.
21. Juli 2017, 19:22 Uhr
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Von Christoph Hoffmann
Lena bemalt einen Kieselstein. Sie gedenkt damit den verstorbenen Drogentoten. (Foto: ep)

Freitagmittag vor den drei Schwätzern: Ein kleines Grüppchen hat es sich auf einer Decke gemütlich gemacht. Die Männer und Frauen bemalen Kieselsteine, zur Stärkung gibt es Kuchen und Getränke. Was wie ein unbeschwertes Picknick wirkt, hat in Wirklichkeit einen traurigen Hintergrund. Die Teilnehmer sind gekommen, um verstorbenen Freunden und Angehörigen zu gedenken. Jeder bemalte Kieselstein steht für einen Drogentoten.

Jedes Jahr wird bundesweit am 21. Juli der Gedenktag für verstorbene Drogengebraucher begangen. Er soll Freunden, Bekannten und Angehörigen die Möglichkeit des Erinnerns geben und darauf aufmerksam machen, dass täglich Menschen an den Folgen ihres Drogenkonsums sterben, meist aber abseits der Gesellschaft im Verborgenen. Das Gießener Suchthilfezentrum hat sich zum ersten Mal an diesem Gedenktag beteiligt.

Im Schatten der drei Schwätzer sitzt auch Lena. Die 24-Jährige bemalt einen Kieselstein in Erinnerung an einen geliebten Menschen. Lena fällt es nicht leicht, über ihre eigene Sucht zu sprechen, sie ist aufgeregt und nestelt an den Fingern. Was sie zu sagen hat, ist ihr aber zu wichtig, als dass es unausgesprochen bleiben könnte. »Es ist schade, dass viele Leute das Angebot des Suchthilfezentrums nicht annehmen. Es gibt einen Punkt, an dem man sich helfen lassen muss.« Sie selbst erlangte die Erkenntnis auf die harte Tour.

Lenas Drogengeschichte begann wie die von vielen Süchtigen. Sie hatte Probleme in der Schule, wegen Mathe schaffte sie den Abschluss nicht. »Ich war damals sehr deprimiert. Und dann habe ich mich auf die falschen Leute eingelassen.« Der Rest ist schnell erzählt: Erst Gras und Haschisch, dann Heroin, Speed, Pillen und Tranquilizer. Das volle Programm. »Am Ende war ich so kaputt, das mein Arzt gesagt hat: Wenn Sie so weiter machen, sind Sie nicht mehr lange hier.« Mit der Hilfe durch Familie und Bekannte schaffte sie den Absprung und ging ins Suchthilfezentrum. Hier nimmt sie nicht nur an einem Substitutionsprogramm teil, sie erhält auch eine psychosoziale Betreuung und nutzt das Angebot des betreuten Einzelwohnens. Lena lächelt und blickt zur Seite: »Katha ist meine Betreuerin. Sie macht das super.«

Katha, das ist Katharina Hasenstab, im Suchthilfezentrum als Sozialarbeiterin tätig. »Im vergangenen Jahr sind in Deutschland 1333 Menschen an ihrer Drogensucht gestorben. Das sind 107 mehr als 2015«, sagt Hasenstab und betont, dass auch in Gießen die Drogenproblematik wachse. »In Stadt und Kreis sind in diesem Jahr schon fünf Menschen gestorben.« Das sind so viele wie im gesamten vergangenen Jahr zusammen, wie ein Blick in die Polizeistatistik verrät.

In Gießen sei vor allem Heroin ein Problem, sagt die Sozialarbeiterin, aber auch Crystal Meth und psychoaktive Substanzen bereiteten zunehmend Probleme. »Das verläuft phasenweise. Manchmal ist es eher ruhig, aktuell haben wir wieder mehr Probleme. Vermutlich ist ein neuer Dealer in der Stadt.« Ein Indiz dafür sei, dass der Spritzenautomat am Suchthilfezentrum häufiger aufgefüllt werden müsse.

Lena hat nie gespritzt, sie hat das Heroin geraucht oder durch die Nase gezogen. Doch damit soll jetzt Schluss sein. Aktuell sei sie clean. »Und ich arbeite daran, mein Leben in den Griff zu kriegen.« Der Gang zum Suchthilfezentrum war ein wichtiger Schritt für die 24-Jährige. Hätte sie ihn nicht gewagt, womöglich wäre am Freitag ein Kieselstein für sie bemalt worden.



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