17. Juli 2018, 11:00 Uhr

Handwerksmeister

Ein Berufsleben für die Füße

Der Orthopädieschuhmacher Karl-Heinz Keiner geht nach 45 Berufsjahren in Ruhestand. Damit endet auch eine lange Familientradition.
17. Juli 2018, 11:00 Uhr
»Man kann Menschen helfen«: Das schätzt Karl-Heinz Keiner neben der individuellen handwerklichen Arbeit besonders an seinem Beruf. (Foto: kw)

Er hat Kriegsversehrten und Diabetikern das Gehen erleichtert und diente bisweilen als inoffizielle »Sozialstation« der Nordstadt. Als Karl-Heinz Keiner gemeinsam mit seiner Frau Imtraud Keiner Ende Mai sein Orthopädieschuhmacher-Geschäft an der Ecke Sudetenlandstraße/Asterweg in jüngere Hände übergab, flossen bei manchen Stammkunden ein paar Tränen. Und viele staunten, dass der Handwerksmeister in diesem Jahr 70 Jahre alt wird.

Wie seine 65 Jahre alte Frau strahlt er Zufriedenheit aus und hat stets ein Lächeln auf den Lippen. Mit ihrem Ruhestand beenden die Keiners eine 88-jährige Familientradition. Im GAZ-Gespräch blicken sie zurück auf 45 interessante Berufsjahre.

Was muss ein Orthopädieschuhmacher können? Karl-Heinz Keiner muss nicht lange überlegen: »Vor allem zuhören. Jeder Kunde muss seine Probleme in Ruhe erklären können und ernstgenommen werden.« Fingerspitzengefühl sei außerdem nötig. Das Thema Fuß kann schambesetzt sein; oft weiß das engste Umfeld nichts von den Leiden. Lindern kann der Fachmann es aber natürlich nicht nur durch Einfühlungsvermögen, sondern auch durch handwerkliches Können. »Viele Ärzte haben ihren Patienten empfohlen, zu mir zu kommen« – und mitunter stellte Keiner zuerst die Diagnose, die Mediziner bestätigten.

 

Tipps für Schuhkauf und Fußpflege

 

»Man kann Menschen helfen, die Schmerzen oder Beschwerden haben« – das war für den gebürtigen Gießener ein Motiv für seine Berufswahl. Ein weiteres: Die Vielfalt. »Man fertigt Einzelstücke an, es gibt keine Serienproduktion.« Und schließlich: Er trat in die väterlichen Fußstapfen.

»Aus der Not heraus« in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit hatte Karl Keiner 1930 in seinem Elternhaus in der Walltorstraße eine Schuhmacherei eröffnet. Als er 1947 aus der Kriegsgefangenenschaft zurückkehrte, lag das Haus in Trümmern. Im Schwarzlachweg fing er neu an. Von 1948 bis 1972 befand sich der Betrieb in der Wohnung der Familie in der Schottstraße. »Dort bin ich zur Welt gekommen.«

Meisterprüfung 1972

Karl-Heinz Keiner begann 1964 mit seiner Ausbildung zum Orthopädieschuhmacher, arbeitete bis zum Tod des Vaters 1968 nebenbei in dessen Firma mit und legte 1972 die Meisterprüfung ab. Ein Jahr später eröffnete er sein Geschäft im Asterweg 88, 1995 folgte der Umzug ins Gebäude gegenüber.

Seine Frau Irmtraud, gelernte Arzthelferin, übernahm »den Papierkram« und bot seit 1980 im Geschäft Fußpflege an. »Das hat sich gut ergänzt. Gemeinsam konnten wir viele Probleme der Kunden lösen.« Ging es in den ersten Jahrzehnten häufig um die Folgen von Schussverletzungen oder Erfrierungen aus dem Krieg, so kommen heute unter anderem Menschen mit Fußfehlstellungen, Diabetes oder Rheuma zum Orthopädieschuhmacher. Für sie fertigte Keiner Einlagen oder ganze Schuhe.

Zu Hausbesuchen fuhr er abends mitunter bis in den Taunus und in den Vogelsberg. Als Service reparierte er außerdem Schuhe aller Art. Von seinen insgesamt sieben Auszubildenden haben drei mittlerweile die Meisterprüfung abgelegt.

Gerade für ältere Nordstadt-Bewohner war Karl-Heinz Keiner eine Institution. Etliche kannten ihn von Kindesbeinen an. So kümmerte er sich auch um Anliegen wie: »Ich muss was ausfüllen, kannst du mir helfen?« Dabei lebt er seit 1974 in Grünberg, der Heimat seiner Frau. Dort zog das Paar drei Töchter groß, inzwischen gehören auch fünf Enkel zur Familie.

Qualität hat ihren Preis

Irmtraud Keiner trägt ausschließlich Schuhe, die ihr Mann angefertigt hat, »in anderen kann ich gar nicht laufen«. Er besitzt auch einige gekaufte Paare. Worauf legt er dabei wert? »Auf Qualität. Die hat ihren Preis, aber das lohnt sich.« Ein weiterer Tipp der Fachleuten: »Die Füße nicht vernachlässigen!« Das gründliche Abtrocknen sei ebenso wichtig wie das Eincremen.

Nun genießen die Keiners ihren Ruhestand. Irmtraud Keiner, die früher Chöre geleitet und gesungen hat, hat nun mehr Zeit zum Lesen und Handarbeiten. Karl-Heinz Keiner zählte Tischtennis, Segeln und Angeln zu seinen Hobbys, aber auch Lesen und Kochen. Und natürlich haben sie mehr Zeit für die Familie. Schon mehrfach waren sie mit drei Generationen im Urlaub.

Ein Trost für ihre Kunden: Mit Sabine Hansen wurde eine Nachfolgerin für das Geschäft gefunden. Das hatten die Keiners gar nicht erwartet. Es fehle an Nachwuchs, obwohl der Bedarf da sei.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Arzthelfer
  • Berufsleben
  • Diabetiker
  • Erfrierungen
  • Fußpflege
  • Füße
  • Geschäfte
  • Gießen
  • Karl Heinz
  • Lesen
  • Rheumatische Erkrankungen
  • Ruhestand
  • Gießen
  • Karen Werner
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen