30. August 2017, 07:08 Uhr

Homophobie

»Ein Angriff auf alle Schwulen«

Jan Leschhorn und Andre Haase sind nach der Abschlussparty des CSD im MuK überfallen worden. Sie vermuten aus Schwulenhass.
30. August 2017, 07:08 Uhr
Andre Haase (l.) und Jan Leschhorn auf den Stufen des MuK. Wenige Meter entfernt sind sie überfallen worden. (Foto: chh)

Jan Leschhorn sitzt auf den Stufen des MuK. Sein Ellenbogen ist bandagiert, ein Veilchen ziert sein linkes Auge, die Beine sind von Schürfwunden übersäht. Neben Leschhorn hat Andre Haase Platz genommen. Der 24-Jährige sieht nicht viel besser aus. Sein rechtes Auge ist blau und zugeschwollen, er hat Beulen am gesamten Kopf, seine Arme sind von Tritten gezeichnet. Und das sind nur die sichtbaren Wunden. »Da vorne ist es passiert«, sagt Leschhorn und zeigt auf den gegenüberliegenden Parkplatz. »Da haben sie uns aufgelauert.«

Schläge auf dem Parkplatz

Leschhorn und Haase haben vergangenen Samstag mit vielen anderen den Christopher-Street-Day gefeiert. Nach dem Straßenfest am Kirchenplatz und der anschließenden Demo ist das schwule Pärchen noch zur Abschlussparty ins MuK an der Automeile gefahren. Gegen 3 Uhr nachts wollten sie die beiden dann auf den Nachhauseweg machen. Leschhorn erinnert sich: »Wir sind zum Auto auf den Parkplatz gegangen. Plötzlich sind zwei Typen auf uns zugekommen und haben irgendetwas über Ausweise gesagt. Dann ging es auch schon los.« Leschhorn sagt, die Unbekannten hätten aus heiterem Himmel zugeschlagen. Er sei zu Boden gegangen und habe mehrere Tritte gegen den Schädel abbekommen.

»Als sie von mir abgelassen haben, habe ich gesehen, dass sie auf Andre eintreten. Ich habe dann versucht, ihm zu helfen.« Viel habe er nicht ausrichten können. »Es waren einfach zu viele.«

Vier bis sechs Angreifer

Andre Haase schätzt, dass es vier bis sechs Angreifer gewesen sind. Erst als die Türsteher zur Hilfe geeilt seien, hätten sie sich aus dem Staub gemacht. Ein Teil sei zu Fuß, ein anderer mit dem Auto geflüchtet. Einen Tatverdächtigen hat die Polizei geschnappt (siehe Kasten), die anderen konnten entkommen. Leschhorn und Haase wurden ins Krankenhaus gebracht. »Es sah so aus, als hätten die Angreifer auf uns gewartet«, sagt Leschhorn. Haase nickt: »100-prozentig.«
 

Vorfall schon bei Demo


Die Polizei hält sich zum Tathergang bedeckt. Man könne noch keine gesicherte Aussage machen, ob die Täter dem schwulen Pärchen tatsächlich aufgelauert haben. Auch zum möglichen Motiv schweigt die Polizei. »Wir ermitteln noch«, betont Sprecher Jörg Reinemer. Für Leschhorn und Haase ist die Sache hingegen klar: Sie wurden überfallen, weil sie schwul sind. Ein Verdacht, den auch MuK-Geschäftsführer Ronny Krämer teilt. Zumal es bis auf die CSD-Party keinen Grund gegeben habe, um diese Uhrzeit zur Automeile zu kommen. »Unsere Türsteher haben bestätigt, dass die Männer weder im MuK noch vor der Tür gewesen waren.«

Dafür aber einige Stunden zuvor auf der Demo in der Innenstadt. Zumindest hat Melanie Dietz vom CSD-Organisationsteam dort eine Gruppe gesehen, auf die die Beschreibung passt. »Sie haben eine Ordnerin begrabscht und sexistisch beleidigt.« Sie hätte die Männer daher aufgefordert, die Demo zu verlassen, was sie unter Protest auch getan hätten. Laut Dietz bestand die Gruppe aus Männern sowohl mit als auch ohne Migrationshintergrund.

Homophobe Angriffe deutlich gestiegen


Vergleichbare Fälle habe es im MuK noch nicht gegeben, sagt Krämer, und Dietz betont, auch der CSD sei stets friedlich verlaufen. Der Angriff am späten Abend passe aber in die gesellschaftliche Entwicklung. »Diskriminierungen sind alltäglich, aber auch homophobe Übergriffe nehmen zu.« Ein Blick in die Statistik gibt der CSD-Organisatorin recht: Laut Bundesregierung hat es im ersten Halbjahr 2017 130 Straftaten gegen Homosexuelle, Bisexuelle, Inter- und Transsexuelle gegeben. Im ersten Halbjahr 2016 waren es nur 102. Dietz betont, dass es auch in Gießen Übergriffe gegeben hat.


Haase hätte es bis zum vergangenen Wochenende nicht für möglich gehalten, dass auch er zum Opfer werden könnte. »So etwas sieht man sonst nur in den Nachrichten.« Man merkt dem jungen Mann an: Die Schläge haben ihn mitgenommen. »Ich bin noch immer erschüttert, kann kaum schlafen.« Auch bei Leschhorn sitzt der Schock noch tief. »Das war nicht nur ein Angriff auf uns, sondern auf alle Schwulen und Lesben.«

Die Polizei ermittelt

Ein Tatverdächtiger gefasst

Im Zuge der schnell eingeleiteten Fahndung konnte die Polizei gegen 3.40 Uhr einen Tatverdächtigen festnehmen. Der 19-jährige Gießener ging den Beamten auf dem Gelände des Landratsamts ins Netz. Eine weitere Person sprang über einen Zaun und rannte über die Licher Straße in den Wald. Auch die Insassen des Autos sind flüchtig. Hinweise erbittet die Polizei unter der Rufnummer 06 41/70 06 35 55.

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