12. August 2014, 21:58 Uhr

Ehepaar wegen versuchter Freiheitsberaubung verurteilt

Gießen (sha). Die Beziehung ihrer Tochter war für ein türkisches Ehepaar offenbar ein Problem. Vor dem Gießener Amtsgericht wurde sie am Dienstag zu einer Geldstrafe verurteilt.
12. August 2014, 21:58 Uhr

»Wenn sich jemand in jemanden verliebt, ist das ein Verbrechen?« Mit Tränen in den Augen und bebender Stimme stellte die 21-jährige Frau am Dienstag eine Frage, die schon länger unausgesprochen im Raum stand – genauer gesagt in einem Sitzungssaal des Gießener Amtsgerichts. Die Eltern der türkischstämmigen Frau hatten diese Frage bereits für sich beantwortet: »Ich akzeptiere das nicht«, betonte der 41 Jahre alte Vater mehrfach in gebrochenem Deutsch. Inakzeptabel war für ihn, dass das »Mädchen mit einem Jungen zusammen ist«, obwohl sie ihre Ausbildung noch nicht beendet habe. Außerdem habe er sich Sorgen wegen ihrer Gesundheit gemacht, sagte er, ohne eine konkrete Erkrankung zu nennen. Mittlerweile könne seine Tochter, eine Auszubildende im Beruf der medizinischen Fachangestellten, machen was sie wolle: »Mich interessiert das nicht.« Aber: »Wenn es ihr schlecht geht, soll sie morgen nicht vor meiner Tür stehen.«

Am 14. November vergangenen Jahres, morgens um acht Uhr, war beiden Eltern noch gar nichts egal. Im Auto wartete das in Nordhessen beheimatete Ehepaar vor der Gießener Willy-Brandt-Schule, um die Tochter abzupassen, weil es »mit deren Lebensweise nicht einverstanden war«, wie es in der Anklage hieß. Beide versuchten, die junge Frau in das Auto zu zerren. Zwei Mitschülerinnen des Opfers mischten sich jedoch ein, sodass die Eltern schließlich erfolglos von ihrer Tochter abließen. Zuvor hatte die Mutter der 21-Jährigen allerdings noch einer der Mitschülerinnen mit der Faust ins Gesicht geschlagen. Die 40 Jahre alte Ehefrau des Angeklagten musste sich deshalb neben versuchter Freiheitsberaubung auch wegen Körperverletzung verantworten.

An Haaren zum Auto gezerrt

Die Einsicht, dass sie sich unter Umständen falsch verhalten haben könnten, kam den Eltern nicht. Im Gegenteil: Beide brannten darauf, vor Strafrichter Jürgen Seichter ihre Aussagen zu machen. »Wir wollten nur reden«, beteuerten die Eheleute unisono. Sie hätten weder die Tochter noch deren Freundinnen an den Armen gepackt geschweige denn eine der Mitschülerinnen geschlagen. »Mit Freude« habe er die Miete für das Zimmer der 21-Jährigen in Gießen bezahlt, unterstrich der Vater stattdessen. Er und seine Frau hätten sich nur gesorgt, weil sie ihre Tochter nach einem »Telefonat mit Beschwerden« nicht mehr hatten erreichen können.

Beide hätten nur diese Probleme besprechen wollen und dies auch am Tattag deutlich gemacht. Die Mitschülerinnen des Opfers, die um Hilfe geschrien hatten, bezeichnete das Ehepaar als »Schauspieler«.

Der Auftritt der Tochter vermittelte ein anderes Bild: Die 21-Jährige, die mit kurzer schwarzer Hose und rosaroter Strickjacke den Gerichtssaal betrat, würdigte ihre Eltern keines Blickes. Mit verängstigter Stimme bat sie den Richter, ihre aktuelle Adresse nicht zu nennen. Mit einem leisen Ja beantwortete die sichtlich um Fassung bemühte Frau die Frage, ob es den Eltern »nicht gefiel, dass sie mit einem Jungen zusammen war«. Bezeichnend auch, dass sie sagte, ihre Mitschülerinnen hätten sie vor den Eltern »beschützt«. Beide Angeklagte hätten nach ihr gepackt, um sie in das Auto zu zerren. Weil sie »ein bisschen Angst« hatte, wollte sie nicht sagen, ob eine der Mitschülerinnen auch geschlagen worden sei. Das bestätigten die beiden jungen Frauen anschließend selbst. Auch, dass die Hände der Eltern »eigentlich überall« gewesen seien – an den Haaren, Armen und Kleidern der Tochter.

Richter Seichter verurteilte das nicht vorbestrafte Ehepaar der Anklage entsprechend. Der Vater muss 600 Euro Geldstrafe zahlen, die Mutter 900. Die Tochter habe das »Recht, ihren Weg zu gehen« – auch wenn die Eltern damit nicht einverstanden seien.

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