23. August 2019, 19:00 Uhr

Doktortitel weg

Ehemaliger Arzt am Uniklinikum verliert Doktortitel

Acht Jahre nach dem sogenannten »Medizin-Skandal« von Gießen hat das Verwaltungsgericht eine Entscheidung der Universität Gießen bestätigt: Ein Arzt verliert endgültig seinen Doktortitel.
23. August 2019, 19:00 Uhr

Der »falsche« Betreuer kann noch Jahre später den Doktortitel kosten. Das Gießener Verwaltungsgericht bestätigte am Donnerstag die Entscheidung der Justus-Liebig-Universität, einem Arzt den Grad wieder zu entziehen - Spätfolge eines Medizin-Skandals, der vor acht Jahren Schlagzeilen machte. Unklar blieb vor Gericht, was dieser Verlust für den Mann bedeutet. Sein Mandant befinde sich in ärztlicher Behandlung, erklärte Rechtsanwalt Kay Schulz die Abwesenheit des Klägers, dessen Widerspruch vom Gericht abgelehnt wurde.

2005 war der Mediziner, geboren 1969, promoviert worden. Sein Doktorvater war ein Anästhesist, der damals als Chefarzt an einer Klinik in Baden-Württemberg arbeitete und nebenbei als außerplanmäßiger Professor an seiner ehemaligen Wirkungsstätte Gießen lehrte. Fünf Jahre später flog er mit gefälschten und ungenehmigten Studien auf. Der Skandal sorgte in der Fachwelt international für Aufsehen.

Die einstige Zusammenarbeit wurde zweien seiner Doktoranden zum Verhängnis, wenn auch nur indirekt. Offiziell spielte es keine Rolle, dass die von ihnen verarbeiteten Daten unter fragwürdigen Umständen entstanden waren. So nutzte der jetzige Kläger für seine Dissertation die Ergebnisse einer Studie, die wahrscheinlich schon 1993/94 am Universitätsklinikum in Gießen durchgeführt wurde, und zwar mutmaßlich illegal. Damals war den durchweg älteren, teils lebensbedrohlich erkrankten Patienten während Operationen Blut entnommen und ein Blutplasma-Ersatzstoff verabreicht worden - ohne dass sie davon wussten.

Mögliche strafrechtliche Vorwürfe wegen dieses Vorgehens wären längst verjährt gewesen, als der Promotionsausschuss des Fachbereichs nach Bekanntwerden der Affäre im Jahr 2011 tätig wurde. Das Gremium nahm alle Arbeiten, die der entlarvte Wissenschaftler betreut hatte, noch einmal unter die Lupe. Ergebnis: Zwei Mediziner verloren letztlich ihren Doktortitel; eine Frau, promoviert im Jahr 2000, und der jetzige Kläger. Als Begründung genannt wurden Verstöße gegen Grundsätze des wissenschaftlichen Arbeitens.

Studien an ahnungslosen Patienten

An der Dissertation des Mannes wurde nun bemängelt, was sechs Jahre zuvor weder seinem Betreuer noch dem Zweitkorrektor aufgefallen war: Er habe zwei Artikel aus englischsprachigen Fachzeitschriften nicht als Quellen genannt, obwohl er Textteile daraus kopiert habe. Es handle sich um Täuschung. Unter beiden Artikeln, erschienen 1995 und 1996, stand der Name des jungen Mediziners - allerdings falsch geschrieben - als Co-Autor.

Davon habe er nichts gewusst, argumentierte der Arzt in seinem Widerspruch. Anwalt Schulz betonte, der Betreuer habe auch in anderen Fällen Mitarbeiter genannt, ohne sie zu fragen. Sein Mandant habe allenfalls »geschlampt«. Unklar sei, ob die Artikel wirklich so bedeutsam für das Ergebnis der Doktorarbeit oder vielleicht schon veraltet gewesen seien. Der Entzug des Titels sei jedenfalls zu hart. Eine schlechtere Benotung reiche aus. Grundsätzlich habe er den Eindruck, dass die Doktoranden die Verfehlungen ihre ehemaligen Professors »ausbaden« müssten.

Die 3. Kammer des Gerichts unter Vorsitz von Dirk Rossbach verwies dagegen auf die Aussage zweier Gutachter: Die verschwiegenen Artikel deckten exakt das Thema der Doktorarbeit ab. Sämtliche Daten und Schlussfolgerungen seien darin schon enthalten gewesen. Damit falle der Kern einer Dissertation weg, nämlich durch selbstständige Forschung zum wissenschaftlichen Fortschritt beizutragen. Selbst wenn der Mediziner nur grob fahrlässig gehandelt und nicht bewusst getäuscht hätte, sei die Entscheidung der JLU rechtens.

Die Universität hatte den Entzug des Titels als vertretbar bezeichnet, weil man diesen für die Arbeit als Arzt nicht unbedingt braucht. Dem aufgeflogenen Anästhesisten erkannte die JLU 2011 den Professorentitel ab. Als Grund genannt wurden nicht seine wissenschaftlichen Fehltritte, sondern dass er jahrelang - vom Fachbereich unbemerkt - keine Lehrveranstaltungen in Gießen gehalten hatte.

Das Urteil des Verwaltungsgerichts ist noch nicht rechtskräftig. Der Kläger kann innerhalb eines Monats Berufung beantragen; die nächste Instanz wäre der Verwaltungsgerichtshof Kassel.

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