14. November 2010, 17:42 Uhr

Durch alte und neue Klangwelten

»Musik ist reine Mathematik« meinte schon Pythagoras. Zu den sieben freien Künsten zählte die Antike neben der Mathematik auch die Musik. »Mathe macht glücklich«, ist das Motto des Mathematikums. Dass auch Musik glücklich machen kann, stellte der überregional bekannte Chor Klangfarben dort am Freitagabend unter Beweis.
14. November 2010, 17:42 Uhr
Zwischen den Exponaten im Mathematiklum bringt der Kammerchor Klangfarben eine musikalische Weltreise zu Gehör. (Foto: dw)

Während das raumeinnehmende mechanische Uhrwerk unter dem Dach des Mathematikums rattert und klappert, breiten sich aus allen vier Himmelsrichtungen wohlklingende Harmonien aus. »Gay u wani« tönt es vielstimmig aus 25 Kehlen - Klangfarben ergreifen sanft den hohen Raum. Die Worte stammen aus dem Indianischen, die Melodie von einem traditionellen Frauenchor der Irokesen. »Aus der neuen und der alten Welt« nennt der anspruchsvolle Kammerchor sein Programm. Mit einer Rhapsodie des Komponisten Josef Gabriel Rheinberger, »Seele, wie schweifst du, ätherbeschwingt«, schweben die Sänger über den Atlantik zurück.

Seit 1980 gibt es die Gruppe ambitionierter Laiensänger. Das aktuelle Programm spiegelt ihre kontinuierliche Weiterentwicklung wider. »Aus der alten und der neuen Welt« haben die Sänger sowohl weltliche als auch geistliche A-cappella Werke zeitgenössischer Chormusik des 20. und 21. Jahrhunderts zusammengetragen. Mit stimmlicher Präsenz und Klarheit schlagen sie eine musikalische Brücke zwischen den europäischen Romantikern zu nord- und südamerikanischen Komponisten der »neuen« Welt. Noch klingen in den zahlreich vertretenen Zuhörern die sehnsuchtsvollen Klänge der »Serenade für das Vaterland« der argentinischen Schriftstellerin und Komponistin Maria Elena Walsh nach, da entführt eine Lesung mit den Worten Stefan Zweigs in den »Rausch von Schönheit und Glück« des »mundus novi«. Mit melancholischen Melodien brausen die perfekt harmonierenden Sänger zu einem Rausch der Gefühle im Liebeslied von Aylton Escobar auf.

Seit zwei Jahren ist Uwe Maibaum Chorleiter der Klangfarben. Mit den »Chromaphonetikos« (Klangfarben) des Komponisten Lindembergue Cardoso entlockt er den Stimmen eine faszinierende Höchstleistung. Ein Ton nur vibriert und legt sich über alles, wächst an über Harmonien zu Disharmonien, steigt empor, stirbt plötzlich. Über das Tönen legt sich ein Klackern aus unzähligen Kehlen, fallendem Wasser gleich, schwirrt wie das Flirren schlagender Flügel durch den Raum und wird von Surren hinweggetragen. Die Töne wogen und wallen, schnattern und schnarren, ändern die Richtung und enden: »Bah!« Atemlos berauscht spendet das Publikum Beifall. Ob schwungvoll heiterer oder traurig getragener Spirituals der neuen Welt, vierstimmiger Männerchor der alten Welt, Tango oder geistliche Stücke - Klangfarben machen ihrem Namen alle Ehre. Begeistern ihr Publikum in Gießen wie am gestrigen Sonntag auch in Laubach nicht nur mit ihrer großen stimmlichen Professionalität sondern auch mit der engagierten, leidenschaftlichen Präsentation ihres Könnens. Doris Wirkner

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