07. Oktober 2019, 22:08 Uhr

Drogenkonsum seit dem 14. Lebensjahr

07. Oktober 2019, 22:08 Uhr

Verhandlungen vor einer Strafkammer sind in der Regel keine Veranstaltungen, die den Beteiligten viel Freude bereiten. Das gilt auch für ein Verfahren gegen einen 27-Jährigen, der sich vor der 9. Großen Strafkammer des Landgerichts Gießen für einen Raubüberfall zu verantworten hat, begangen in der Nacht auf den 14. April dieses Jahres.

Beim ersten Versuch, sich gegen 23.15 Uhr in der Moltkestraße mithilfe einer Schreckschusspistole eines Pkw zu bemächtigen, ging der bedrohte Fahrer mitsamt des Fahrzeugschlüssels stiften. Dessen Freundin, die im Auto verblieben war, befand sich nicht im Besitz eines Schlüssels. So suchte auch der Täter das Weite.

90 Minuten später hatte er beim zweiten Versuch mehr Erfolg. Im Altenfeldsweg bedrohte er zwei Frauen, die gerade mit dem Auto nach Hause fahren wollten. Auch sie konnten flüchten, nachdem die Besitzerin dem Räuber die Schlüssel überlassen hatte. Sie brachten sich in Sicherheit und alarmierten die Polizei. Während die Frauen später in der Dienststelle vernommen wurden, schnappte eine Streife den Räuber im Schiffenberger Weg und stellte das geklaute Fahrzeug sicher. Zumindest eine der beiden Frauen ist noch traumatisiert. Sie war wochenlang krankgeschrieben und nimmt bis heute an einer Therapie teil. Sie hat unter den Straftaten des in Kasachstan geborenen Mannes am meisten zu leiden.

Am Montag, am zweiten Verhandlungstag, beschäftigte sich die Strafkammer unter dem Vorsitz von Klaus Bergmann in erster Linie mit der Vita des Angeklagten, dessen Familie im Jahr 1993 aus Kasachstan nach Deutschland gekommen war. Die Mutter, eine gebürtige Russin, kehrte irgendwann zurück in ihre Heimat. Der Vater blieb in Deutschland, kam hier wegen Rauschdelikten mit dem Gesetz in Konflikt und ist inzwischen verstorben. Die Familie des Angeklagten hatte sich zunächst in der niederbayerischen Provinz niedergelassen. Und hier begann der 27-Jährige auch seine kriminelle Laufbahn, wie Verurteilungen der Amtsgerichte Landau am Inn und Landshut belegen. Fahren ohne Fahrerlaubnis, Körperverletzung, schwere räuberische Erpressung waren die Straftaten, für die er als Heranwachsender zur Rechenschaft gezogen worden war, wobei er während der Bewährungszeit und sogar in der Haft weitere Taten begangen hatte.

Negative Sozialprognose

Nach Gießen kam der 27-jährige, der mit einer 18-Jährigen und der gemeinsamen Tochter in einer württembergischen Kleinstadt zusammen wohnt, mehr oder weniger zufällig. So besuchte der Angeklagte an jenem Aprilwochenende einen Bekannten in Mittelhessen, den sein Onkel in der JVA Butzbach kennengelernt hatte. Als Zeugin sagte auch seine Partnerin aus, mit der er von November letzten Jahres bis zu seiner Verhaftung im April zusammenlebte. Die Frau beschrieb die gravierenden finanziellen Probleme, unter denen sie zu leiden hätten, nachdem er seine Arbeit aufgegeben hatte.

Wie der Sachverständige Jens Ulferts, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, berichtete, konsumiert der Angeklagte seit seinem 14. Lebensjahr Drogen, seit seinem 16. Lebensjahr Alkohol, und seit seinem 18. Lebensjahr führt er sich die Betäubungsmittel auch nasal oder über eine Spritze zu. Er hatte die verschiedenen Substitionsprogramme zum Teil abgesetzt, wird derzeit in Butzbach aber mit Methadon behandelt. Ulferts sieht keine Einschränkung der Einsichts- und Steuerungsfähigkeit, keine Bewusstseinsstörung oder andere Einschränkungen. So habe der 27-Jährige einen qualifizierten Hauptschulabschluss sowie eine Ausbildung zum Anlagenmechaniker abgeschlossen. Der Psychiater stellt aber dennoch eine negative Sozialprognose aus.

Auf die Frage des Vorsitzenden Richters, wie es denn langfristig weitergehen soll, musste der Angeklagte eingestehen: »Darauf habe ich keine Antwort.«

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