27. Oktober 2019, 17:37 Uhr

Drei Schwätzer stürmen die Bühne

Das Stadttheater feiert Karneval in Gießen. Dazu muss Jacques Offenbach ran. Eine neue Operetten-Revue, überwiegend nach seiner Musik, soll die Lachmuskeln strapazieren.
27. Oktober 2019, 17:37 Uhr
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Von Manfred Merz
Die Schwätzer besetzen erst die Bühne und dann den lüsternen Offenbach (Sebastian Songin, im schwarzen Anzug): Mariechen (Karola Pavone), Justus (Christian Richter) und Waldemar (Tomi Wendt, rechts). (Foto: Wegst)

Fasching beginnt in diesem Jahr ein paar Tage früher. Zumindest im Stadttheater. Dort ist seit Samstag die närrische Saison eröffnet. Die Revue »Wer, wenn nicht wir - Die Schwätzer in Gießen« sorgt für amüsante Unterhaltung. Das Ausgangsszenario: Was, wenn Jacques Offenbach Gießener wäre? Die Operette »Die Schwätzer« geht jedenfalls auf sein Konto, uraufgeführt 1862 in Bad Ems. Im Stadttheater entern nun die Seltersweg-Schwätzer Mariechen, Waldemar und Justus die Bühne, gerade als ein Ensemble das Stück probt, um das unbekannte Werk, das eigentlich in Spanien spielt, nach Gießen zwischen Schwanenteich und Elefantenklo zu verlegen.

Als Kölsche Jong hatte Jacques Offenbach den Schalk im Nacken und muss nun in der Revue bekennen, Gießener zu sein, während die beiden aktuellen rheinischen Boulevard-Texter Jürgen Nimptsch und Lajos Wenzel mit Schenkelklopfern dem Karneval huldigen. Es wird tatsächlich viel geschwätzt, Politikerschelte inklusive. Die Autoren sagen dafür den Originaltexten weitgehend Adieu und dichten manches neu, samt Lesben-Liebespaar. Ergebnis ist ein bunter Spaß mit stürmischer Orchesterbegleitung.

Die musikalischen Arrangements gehen aufs Konto von Thomas Guthoff. Neben einigen »Schwätzer«-Stücken kommen fünf teils ernste Nummern aus »Hoffmanns Erzählungen« zur Aufführung, der letzten Oper Offenbachs. Auch die Musik anderer Komponisten schleicht sich in die Partitur, etwa ein Auszug aus Wagners »Tristan und Isolde« sowie die unverwüstliche Brindisi-Arie aus Verdis »La Traviata«. Schlager mischen ebenso mit. »Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da« wird persifliert und im »Gartenzwerg-Marsch«, den einst die Jacob Sisters anstimmten, nimmt der gut disponierte Chor (Einstudierung: Martin Spahr) das Gießkannenmuseum auf die Schippe.

»Non, je ne regrette rien« von Edith Piaf klingt an und »Häuptling Abendwind« schaut vorbei. »Time to say goodbye« ertönt plus ein paar Takte »Star Wars«, als Offenbach zum Schnürboden respektive gen Himmel auffährt. Im Finale rauscht ein satirischer »Cancan« aus »Orpheus in der Unterwelt« durchs nicht ausverkaufte Große Haus. Das Publikum klatscht begeistert mit und spendet am Ende tosenden Beifall.

Regisseurin Astrid Jacob hat die Protagonisten in feine Bilder gestellt. Sie inszeniert eine temporeiche Revue, die nach der Pause eine Weile braucht, ehe sie an den Handlungsstrang des ersten Akts anknüpft. Auf der Bühne agiert Jacob ebenfalls, als Regisseurin, die mit ihrem Ensemble das Offenbach-Stück probt, wirkt in dieser Rolle aber etwas blass. Ausstatter Heiko Mönnich hat das Ganze perfekt eingekleidet. Er zeigt das historische Spanien der Originalvorlage anhand der Kostüme ebenso wie das Heute. Als karge, aber stimmungsvolle Spielstätte dient eine Brücke vor hellblauem Firmament - bisweilen wird einem ja das Blaue vom Himmel versprochen. Tanzdirektor Tarek Assam zeichnet gemeinsam mit zwei Kollegen für die ausgefeilte Choreografie verantwortlich. Er lässt seine jungen Tänzerinnen und Tänzer übers Areal wirbeln.

Dirigent Andreas Kowalewitz steht im Graben und führt das um Schlagwerk und Jazz-Gitarre verstärkte Philharmonische Orchester Gießen durch die leichte Muse. Er prescht nur so durch die Partitur, hält aber auch hin und wieder inne, etwa wenn Carla Maffioletti als Inès ihre unvergessene »Olympia«-Arie zelebriert. Sofia Pavone ist als Solange die Liebste von Inès und geschwätzig obendrein, intoniert jedoch mit Maffioletti innig die »Barcarole«-Arie. Christian Richter gibt als Justus mit einem Augenzwinkern das »Heidenröslein« von Schubert zum Besten, ansonsten bleibt der Tenor ein wenig zurück im Schwätzer-Dreigestirn. Karola Pavone hat als Mariechen das Sagen. Ihr Sopran funkelt, der Humor sitzt und die variable Mimik der quirligen Sängerin zeigt Komödiantenstatus. Da muss sich Tausendsassa Tomi Wendt als Waldemar ins Zeug legen, um nicht untergebuttert zu werden.

Bassbariton Christian Tschelebiew glänzt als geldgeiler Sarmiento. Seine Version der berühmten »Spiegelarie« dreht sich um den schnöden Mammon. Martin Koob als Schlammbeiser singt elektronisch verstärkt einen Karnevalsmarsch Gießener Provenienz. Er hat seine Insignien dabei und kennt sich nun auch mit dem digitalen Shitstorm aus. Sebastian Songin gibt einen lüsternen Offenbach. Shawn Mlynek darf sich als Schreiber eine Eins für seine kleine Partie notieren. Annette Luig verkörpert Sarmientos Frau Beatrix mit Aplomb, während Marcus Licher als Cristóbal gefällt. Die übrigen Solisten bleiben solide.

Leider wird während des gesamten Abends kein Wort Mittelhessisch gesprochen. Auf den Hinweis »Es geht in dem Stück doch um die Liebe«, bemerkt Justus immerhin: »Ja, wo dann?« und hätte doch lieber »Ei, wo dann?« sagen mögen. Petitessen, ebenso wie die Randnotiz, dass Mariechen die Kalauer der rheinischen Narren »op Kölsch« serviert. Man muss nicht unbedingt Gießener sein, um an den Zutaten dieser sinnfreien Revue-Rezeptur Gefallen zu finden. Aber es hilft.



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