26. Juli 2015, 22:23 Uhr

»Dollbohrer« sorgt für Comedy auf dem Schiffenberg

»Unn jetz nochmaa annerster«: Henni Nachtsheim und Rick Kavanian lesen gemeinsam auf dem Gießener Hausberg.
26. Juli 2015, 22:23 Uhr
Hände hoch und los: Henni Nachtsheim und Rick Kavanian (l.) zitieren aus dem »Dollbohrer«. Martin Johnson am Keyboard gibt im Hintergrund den Ton an. (Foto: pad)

Eine Lesung – das verbindet man normalerweise mit einem Schriftsteller, der unterhaltsame Stellen aus seinem Buch vorträgt. Anders ist es, wenn Henni Nachtsheim und Rick Kavanian unterwegs sind. Der eine mit tiefstem hessischen Dialekt ausgestattet, der andere mit einer wahren Flut verschiedener Sprachfarben gesegnet – das ergab am Freitagabend auf dem Schiffenberg für zweieinhalb Stunden beste Comedy.

Normalerweise könne er Lesungen nicht leiden, bekannte Nachtsheim. Das sei quasi der letzte Ausweg als Künstler. »Wenn nichts mehr geht, dann wird gelesen.« Nach dem Erfolg seines Buchs »Dollbohrer« habe der Verlag aber nachgebohrt – erfolgreich. Bei der »Künstlervermittlungsstelle« habe er als Verstärkung Rick Kavanian und Martin Johnson, der beide am Keyboard begleitete, gefunden.

Die Beratung dort ist eindeutig gut gewesen, befanden auch die weit über 300 Besucher vor der Open-Air-Bühne auf dem Schiffenberg. Oft lagen sie bei der Lesung quer vor Lachen auf den Sitzen.

Beim Ritt kreuz und quer durch die Literatur der Weltgeschichte lernte man zahlreiche Texte aus einer gänzlich neuen Sichtweise kennen. Los ging es am Roten Meer, wo Moses (gesprochen von Kavanian) mit den Israeliten und zwei Steintafeln mit Gesetzen im Gepäck – »wovon er nur die Hälfte gut fand« – vor den Wassermassen steht und nicht weiß, wie er an das andere Ufer kommen soll. Doch ein Trupp fleißiger Bauarbeiter hat das Problem mit einem »zweigleisigen Rohrsystem« schnell gelöst. Nur als der Mann im blauen Arbeitsanzug auf Hessisch etwas von »zwei Prozent Skonto bei Direktzahlung« babbelt, da runzelt der biblische Heilige nachdenklich die Stirn.

Wer das Buch »Dollbohrer« kennt, erlebte die Texte in einer ganz neuen Art. Nicht etwa nur durch die beiden Künstler, die die Protagonisten der einzelnen Kapitel auf ihre ganz eigene Weise zum Leben erweckten. Sondern auch durch die zahlreichen kleinen Pannen und Verleser, etwa als Kavanian bei »Harry Potter« eine der Regie-Anweisungen vortrug. »Kursiv geschrieben wird nicht gelesen«, der Hinweis von Nachtsheim, daraufhin die Erwiderung: »Das ist nicht kursiv, das ist blau.«

Dass dieser Dialog geschickt so geplant war, das hätte man vielleicht noch annehmen können, nicht jedoch, was sich zu Anfang des zweiten Programmteils abspielte. Ein kleiner Junge hatte auf dem Bühnenrand Platz genommen. Die beiden Comedians nahmen es gelassen, »könnte deiner sein«, scherzte Nachtsheim in Richtung seines Bühnenpartners.

Doch als der Vater den Jungen holen wollte, schlich der sich hinter die Dekoration. Kavanian wollte beim Fangen des Kindes helfen – woraufhin eine Jagd über mehrere Runden unter, über und um die Bühne begann, begleitet von Johnson auf dem Keyboard mit der Melodie von »Pippi Langstrumpf« und den im Takt klatschenden Zuschauern. Gelebte Comedy – die Zuschauer waren restlos begeistert.

Neben »Feuchtgebiete«, dem »Herrn der Ringe« in der Baumarkt-Gartenabteilung und dem »Weihnachtsmärchen« mit einem Weihrauch kiffenden Josef kam »Im Namen der Rose« gleich zweimal zu Ehren. Zwei Eulen sprechen über die Ursache des Brandes im Kloster, zunächst in Niederländisch und Hessisch und als Zugabe »nochmaa annerster«, und zwar als Mix aller möglichen Dialekte und Sprachfärbungen. Wahrlich keine klassische Lesung – sondern viel unterhaltsamer. Patrick Dehnhardt

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