08. März 2019, 22:11 Uhr

Diven im Doppelpack

Mit »Spatz und Engel« kehren Sophie Berner und Andrea M. Pagani auf die Bühne des Theaterstudios zurück. Das Stück erzählt von der Freundschaft zweier Diven: Edith Piaf und Marlene Dietrich. Deren bekannteste Lieder dürfen dabei natürlich nicht fehlen.
08. März 2019, 22:11 Uhr
In Freundschaft und Liebe verbunden: Edith Piaf (Sophie Berner) und Marlene Dietrich (Andrea M. Pagani). (Foto: Wegst)

Es beginnt auf einem New Yorker Damenklo. Die vor Heimweh und Enttäuschung schluchzende Edith Piaf bekommt Trost aus der Nebenkabine. Doch es ist nicht wie von ihr vermutet die Klofrau, sondern die berühmte Marlene Dietrich, die sich um sie kümmert. Es ist der erfundene Auftakt einer Freundschaft, die es tatsächlich gab, über deren Details aber nur wenig bekannt ist. Denn beide Weltstars haben Stillschweigen bewahrt bzw. sind in ihren Lebensschilderungen reichlich unbestimmt geblieben.

Und so nimmt sich das 2012 von David Große Boymann und Thomas Kahry geschriebene Theaterstück mit Musik »Spatz und Engel« auch jede Menge Freiheiten, die Freundschaft der auf den ersten Blick so ungleichen Frauen anhand von Episoden zu erzählen. Der Fokus liegt dabei auf dem »Spatz« Edith Piaf, deren Aufstieg, Liebeskapriolen, Schicksalsschläge, Drogensucht und früher Tod das Gerüst der Erzählung bilden. An ihrer Seite ist stets die Kümmerin Marlene Dietrich, deren Biografie nur am Rande gestreift wird. Wie »Frau Feldmarschall« kümmert sie sich um die 14 Jahre jüngere Edith, ebnet ihr den Weg in Amerika, pflegt sie, wenn sie wieder schwächelt, und sorgt sich lebensklug und voller Wärme um die Freundin. Ob es eher Liebe als Freundschaft war, die diese Frauen verband? »Spatz und Engel« hat darauf eine eindeutige Antwort und lässt die Diven gleich zu Beginn in den Laken versinken. Ob das im tatsächlichen Leben der Fall war, ist nicht belegt.

Ungleiches Liebespaar

Regisseur Wolfgang Hofmann inszeniert die Zeitreise vom ersten Treffen der Frauen 1948 bis zu Piafs Tod im Jahre 1963 – und einem zusätzlichen Nachspiel der ihre letzten Lebensjahre im Bett verbringenden Dietrich – ohne viel Firlefanz. Die von Lukas Noll entworfene, fast durchgängig schwarze Bühne mit Sofa und Bett verwandelt sich mit Hilfe von Glitzervorhängen. Die im Bühnenhintergrund postierte Band (Roland Schmiedel/Andreas Sommer, Peter Ehm, Elija Kaufmann und Frank Höfliger, musikalische Supervision: Martin Spahr) liefert den Sound mit Klarinette, Keyboard, Drums und Bass. Offen gesprochene Regieanweisungen helfen den Zuschauern beim Sprung durch Zeit und Raum. Glenn Buchholtz und Hanna Dambeck spielen die zahlreichen Nebenfiguren, die zu Beginn wie bei einer szenischen Lesung kurz vorgestellt werden.

Dies alles gibt Sophie Berner und Andrea M. Pagani den Raum, den sie brauchen, um ihre Figuren zum strahlenden Zentrum des Abends zu machen. Wobei es Sophie Berner deutlich schwerer hat zu glänzen. Ihre Edith Piaf, mit Strichbrauen und aufgezirbelter Frisur der legendären Sängerin optisch nachempfunden, ist eben jener zerbrechlich wirkende »Spatz«, der von einer Liebe zur nächsten flattert und mit Morphium, Alkohol und zu viel Arbeit Körper und Seele quält, indem sie das Leben wie eine Kerze an beiden Enden anzündet. Der große Auftritt, die Showpose ist nicht ihr Ding. Ihre Lieder – natürlich dürfen »Mylord«, »Non, je ne regrette rien« oder »La vie en rose« nicht fehlen – beginnen meist im Pianissimo, um sich dann zum emotionalen Ausbruch zu steigern. Erst als Edith betrunken durch die Zuschauerreihen marschiert und ihre Freundin anpöbelt, wird etwas von der zerstörerischen Kraft dieser Figur deutlich. Berners Spiel lässt tief blicken in die geschundene Seele – und ist dadurch umso intensiver.

Andrea M. Paganis Marlene Dietrich hingegen bleibt eher Ikone. Mit dem berühmten weißen Schwanenfedernmantel und resolutem Auftreten ist diese Marlene Kraftzentrum nicht nur im Leben Ediths, sondern auch der Inszenierung. Dietrichs »Sag mir wo die Blumen sind« gehört zu den Gänsehautmomenten des Abends. Doch dass hinter der Selbstkontrolle der preußischen Offizierstochter ein warmherziger Mensch, steckt, ein Schutzengel, blitzt ebenfalls auf: Marlene, die ihre Freundin am Krankenbett mit warmer Kraftbrühe umsorgt – diese Marlene ist eben die unbekannte, aber belegte Seite der legendären Diva.

Sowohl Pagani als auch Berner sind aber keine simplen Piaf- oder Dietrich-Doubles, sondern geben den Diven, gerade auch beim Singen der von »Schmachtigallen«-Sänger Severin Geissler neu arrangierten Lieder, ihre ganz eigene Prägung. Paganis Stimme bewegt sich mühelos in hohen Lagen, er bleibt als Mann stets erkennbar und sein schütteres Haar ohne die blonde Marlene-Perücke. Auch Berners Piaf ist keine Kopie des Originals, hat aber wie die echte Edith das Problem, dass nicht alle im Saal die französischen Liedtexte in Gänze verstehen.

Die Lieder neu interpretiert, die Geschichte der beiden Frauen in großen Zügen frei erfunden – bei »Spatz und Engel« erfährt man nicht die ganze Wahrheit über Piaf und Dietrich. Aber es ist eine Annäherung voller Fantasie, basierend auf einzelnen Fakten, und mit dem Potenzial, die zweieinhalb Stunden der Aufführung mit uneingeschränktem Genuss zu erleben. Entsprechend fiel auch der Premierenapplaus aus: mit vielen Bravos, heftigem Fußgestampfe und jeder Menge Blumen für das stets bestens funktionierende Musical-Paar Sophie Berner und Andrea M. Pagani.

Weitere Vorstellungen folgen am 15. und 30. März sowie 7. April im Theaterstudio. Eine Verlegung auf die Bühne im Großen Haus ist sicher nicht ausgeschlossen.

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