14. Juni 2019, 21:22 Uhr

Diffamiert, zensiert und benutzt

14. Juni 2019, 21:22 Uhr
Anna Zassimova gibt vor jedem Stück Informationen zu den Komponisten. (Foto: gl)

In Russland, Polen und Ungarn kann man getrost von einer »Gleichschaltung« des Kulturlebens sprechen. Sächsische AfD-Politiker fordern, dass sich im Spielplan der Theater der »deutsche Nationalgeist« widerspiegeln müsse und im Bundestag fällt gar das Wort »versifft« im Zusammenhang mit Kultur. Für Universitätsmusikdirektor Dr. Stefan Ottersbach Grund genug, sich in der neuen Unikonzert-Reihe »Musica non grata« mit jenen Komponisten zu beschäftigen, die »diffamiert, zensiert, benutzt« wurden. Das erste Konzert handelte am Donnerstag in der Uni-Aula von »Kulturschaffenden im Visier der Sowjet-Machthaber«, ein zweites Konzert dreht sich um das Kulturleben im Angesicht des Holocaust, speziell im Ghetto Terezin/Teresienstadt.

Es war leider nur eine kleine Gruppe Besucher, die das erste »Musica non grata«-Konzert mit Pianistin Anna Zassimova erlebten. Die hat sich mit Einspielungen wenig bekannter Meisterwerke der russischen Komponisten um 1900 einen Namen gemacht sowie den russisch-französischen Komponisten Georges Catoire wiederentdeckt und mit einem Buch über sein Leben und Werk gewürdigt. Natürlich dürfte auch von ihm kein Werk im Konzertprogramm fehlen. Es erklangen seine »Quatre Préludes«.

Von Heiner Schultz eingesprochene Texte - etwa aus einem Revolutionstagebuch - erklangen aus dem Off als Dokumente der Zeitgeschichte. Pianistin Zassimova gab vor jedem Stück eine kurze Einführung in das Leben der Komponisten, die unter den sowjetischen Machthabern Berufsverbot hatten. Und deren Schicksale zeigten eindrücklich, was es für den Einzelnen bedeutet, wenn Kultur zum Kampfplatz ideologischer Indoktrination wird. Viele wurden diffamiert, zensiert, benutzt - und jahrelang totgeschwiegen. Schiffe, vollbesetzt mit Künstlern und Wissenschaftlern, verließen Russland während und nach der Revolution. »Oft war das auch besser für die Betroffenen. So konnten sie überleben«, brachte Zassimova die traurige Wahrheit auf den Punkt. Sie spielte von Alfred Schnittke zwei Préludes, der sich mit Filmmusik in der Sowjetunion durchschlagen musste, von Alexander Mossolow drei kleine Stücke, der zum »Feind des russischen Volkes« erklärt worden war, und von Nikolaj Roslawez fünf Préludes, der seine Herkunft als Beamtensohn im Zarenreich verleugnen musste, und dessen Werke der KGB nach seinem Tod vernichtete.

Es war deutlich zu merken, wie sehr die Schicksale der Komponisten die in Moskau geborene und nun an der Karlsruher Musikhochschule lehrende Pianistin berührten. Und so verwundert es auch nicht, dass ihr einer der Söhne von Wsewolod Saderazki die auf Packpapier geschriebenen Noten seiner Sonate Nr. 3 f-Moll zur Verfügung stellte. Der Klaviervirtuose, der noch der Zarenfamilie regelmäßig vorspielte, kämpfte in der Weißen und Roten Armee, fiel in Ungnade und wurde in einen Gulag verschleppt. Auch sein Name und Werk war lange vergessen.

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