03. September 2010, 13:20 Uhr

Dieter Steil feierlich mit Hedwig-Burgheim-Medaille ausgezeichnet

Gießen (srs). Dieter Steil wurde am Sonntag im Netanya-Saal des Alten Schlosses mit der Hedwig-Burgheim-Medaille ausgezeichnet.
03. September 2010, 13:20 Uhr
Oberbürgermeisterin Grabe-Bolz und Laudator Brandt (l.) gratulieren Dieter Steil. (Foto: srs)

Es war an einem Morgen im November 1938, als Dieter Steil in einem Kinderwagen durch die Gießener Innenstadt rollte. Wenige Wochen war er erst jung. Die Mutter schob ihn auf dem Weg zur Kirche, zu seiner Taufe. Bevor Dieter Steil jedoch feierlich in das Christentum eintrat, passierte die Familie auf ihrem Spaziergang immer wieder zerstörte Gebäude - die Trümmer jüdischer Geschäfte und der ausgebrannten Synagoge, wenige Stunden nach der Pogromnacht. »Die Trümmer haben damals Verbindung mit seinem Herzen aufgenommen«, vermutet heute Rabbiner Dr. Henry Brandt. Denn zeit seines Lebens setzt sich der inzwischen 71-jährige Steil für Begegnungen insbesondere zwischen Christen und Juden sowie Deutschen und Israelis ein. Am Sonntag wurde er mit der Hedwig-Burgheim-Medaille ausgezeichnet.

Im Rahmen einer Feierstunde im Netanya-Saal des Alten Schlosses nahm Steil die von Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz vorgenommene Ehrung des Magistrats entgegen. Der Preisträger erklärte, zwar befinde er sich seit April nach 26 Jahren als Geschäftsführer der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit im Ruhestand. Doch das Engagement für Versöhnung und Verständigung »werde ich nicht sein lassen können. « Seit mehr als drei Jahrzehnten setzt sich Steil vor allem in der christlich-jüdischen Zusammenarbeit ein. »Sich mit Fremden zu verständigen - dies ist nicht ohne Bereitschaft zur kritischen Selbstbefragung und ein ständiges Lernen möglich«, hob er hervor. Motivation für sein Engagement habe er vor allem in der Familie geschöpft. Seine Eltern hätten mehrere Freundschaften mit jüdischen Mitbürgern gepflegt. Zudem habe ihn während des Abiturs Ende der 50er Jahre ein junger Geschichtslehrer gründlich über die Geschichte des Nationalsozialismus unterrichtet - »eine Seltenheit damals«. Aufgabe jedes Bürgers sei, betonte Steil, »die Traditionen der hier lebenden Juden zu achten und ihnen die Möglichkeiten zur Entfaltung zu geben«. Dies gelte »ebenso in Bezug auf die Muslime«, fügte er hinzu. Die Hedwig-Burgheim-Medaille nehme er stellvertretend an »für alle, die mit mir den Weg der Verständigung und des Verstehens gegangen sind.« Unter anderem nannte er seine Frau Hedwig und den »väterlichen Freund« Dr. Avraham Bar Menachem. »Schalom und Frieden für alle«, beendete Steil seine Rede.

Die Laudatio hielt Dr. Henry Brandt, Vorsitzender der Allgemeinen Rabbinerkonferenz, 1992 selbst mit der Hedwig-Burgheim-Medaille ausgezeichnet. Das Engagement Steils sei im Besonderen in dessen »persönlicher Verankerung im Christsein« begründet, betonte er. Der Glaube als Fundament - »das sollte uns allen eine Lehre sein.« Mit Gießen bringe Brandt stets zwei Bilder in Verbindung: Neben dem runden schwarzen Hut des langjährigen Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde Jakob Altaras sei dies vor allem die Schifferkrause - die prägnante Barttracht - Dieter Steils sowie dessen »gutmütiges Lächeln«. Als Geschäftsführer der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit habe er den Preisträger als »liebenswerten und geradlinigen« Gesprächspartner mit eigener Überzeugung erlebt, stets besonnen, beflissen und sachlich argumentierend. Sein Ansporn sei niemals Ehre oder Gewinn, sondern »innere Notwendigkeit«.

Die Oberbürgermeisterin würdigte im Besonderen die Versöhnungsarbeit Steils. Er habe Kontakte zu Überlebenden gesucht und »mit Leidenschaft begonnen, die Kette, die zerrissen ist, wieder zu schließen.« Auch durch Vorträge und Veröffentlichungen zur Geschichte des Judentums in der Stadt habe Steil seinen Teil zur präzisen Vermittlung der jüdischen Gießener Historie beigesteuert.

Die Hedwig-Burgheim-Medaille ist die höchste Auszeichnung, die die Stadt regelmäßig vergibt. Sie wird alle zwei Jahre verliehen. Sie ist benannt nach Hedwig Burgheim, die zwischen 1920 und 1933 das Fröbel-Seminar in Gießen, eine Ausbildungsstätte für Kindergärtnerinnen, leitete. 1943 wurde sie im Konzentrationslager Auschwitz ermordet.

Der Preisträger, Laudator Brandt und die Oberbürgermeisterin erinnerten in nachdrücklichen Worten an die Namensgeberin der Medaille. Der Nationalsozialismus habe die Stadt »um nicht zu ersetzende Menschen« beraubt, sagte Grabe-Bolz. »Aber wir können und wollen sie lebendig halten.« Auf Wunsch des Preisträgers gestalteten drei junge Mitglieder der jüdischen Gemeinde Gießens die musikalische Begleitung der Verleihung. Pascal Rubinstein, Michael Leschenko und Eric Erenbourg trugen am Flügel Stücke von Mozart, Rachmaninow und Chopin vor. Unter den Gästen war auch der deutsche Botschafter in Israel, Dr. Harald Kindermann, sowie eine Gruppe von jüdischen ehemaligen Gießener Bürgern, die in den 30er Jahren nach Palästina emigriert waren und zur Zeit im Rahmen einer von der Stadt organisierten Begegnungswoche ihren Geburtsort besuchen.



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