30. August 2018, 22:04 Uhr

Die vierte Dimension

Thomas Zipp gilt als einer der einflussreichsten deutschen Künstler der Gegenwart. Kuratorin Nadia Ismael ist bekennender Fan und hat ihn in die Kunsthalle eingeladen. Mitgebracht hat er Dixie-Klos, Sprengköpfe und allerlei vom Flohmarkt.
30. August 2018, 22:04 Uhr

Seit 14 Tagen wird schon gebaut in der Kunsthalle und beim Pressegespräch am Mittwoch fühlte man sich immer noch wie in einer großen Werkstatt. Der Künstler Thomas Zipp ist aus Berlin mit zwei Mitarbeitern angereist, erhält vor Ort vom Kulturamtsteam ebenfalls Unterstützung.

Geboren in Heppenheim (Jahrgang 1966) studierte Zipp zunächst Malerei an der Städelschule in Frankfurt und an der Slade School of Fine Art in London. Seit 2008 ist er Kunstprofessor an der Universität Berlin. Die Kunsthalle Fridericianum in Kassel, die Biennale in Venedig 2013, die Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst, die Tate Modern Galerie in London und das Museum für Zeitgenössische Kunst in Chicago sind nur einige Ausstellungsstationen auf seinem internationalen Karriereweg.

In Gießen ist nicht seine Malerei zu sehen, sondern eine raumfüllende Installation mit Performances. Zwei Flachdachhäuser aus Holz muten eher wie ein Bunker an. Doppelbetten und notdürftige Kochstellen, vor allem aber die Sauerstoff- und Lachgasflaschen zeugen vom Sicherheitsaspekt.

Die Kunsthalle zeugt im Eingangsbereich noch von Bewohnbarkeit, wenn auch die Dixie-Klos ein Provisorium vermuten lassen. Die auf dem Flohmarkt zusammengekauften Objekte versprühen den Charme der 50er Jahre: Motorrad, Lernfahrrad, Golfschläger und Kücheneinrichtung in einem der gebauten Häuser. Altmodische Lautsprecher an hoch aufragenden Stangen künden von Massenveranstaltungen, ein armseliger Baum ist aus Aststücken zusammengeklebt.

Im hinteren Bereich der Kunsthalle wird’s unheimlich: auf schwarz-weißen Sockeln sind Raketen in Reihe gestellt. Es handle sich um Original-Sprengköpfe von Patriot-Raketen, die in Deutschland stationiert waren. Er habe sie auf Flohmärkten erstanden, so der Künstler. Für ihn Ausdruck für die Menschheit weltweit.

Und wie erklärt sich der englische Titel? »A Primer of Higher Space« war der Titel eines Architektenbuchs (1913), auf das Zipp sich bezieht. Der Autor nähert sich der vierten Dimension des Raumes, spricht von Einsteins Relativitätstheorie und überschreitet Grenzen zu anderen Wissenschaften. Gemeint ist wohl: »Eintritt in die höhere Dimension«. Die Aussage in Klammern »The Family of Man revisited« ist zwar einfacher zu übersetzen mit »Die Menschheit als Familie«, dennoch erklärungsbedürftig. Damit bezieht sich der Künstler auf die gleichnamige Foto-Ausstellung 1955 in New York, die 2003 UNESCO-Weltdokumentenerbe wurde. Darin versuchte der Kurator mit Fotografien das Verständnis der Menschen untereinander zu befördern. Ein Friedensbotschaft also.

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