20. April 2017, 21:20 Uhr

Die süße Gefahr

An der größten Volkskrankheit in Deutschland litt so gut wie jeder von uns schon einmal. Die Rede ist von Karies. Prof. Norbert Krämer ist Chefarzt der Gießener Poliklinik für Kinderzahnheilkunde und zudem Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinderzahnheilkunde. Im Interview erklärt er, warum besonders Kinder betroffen sind, wie man sich am besten schützt und warum auch das Herz durch schlechte Zähne krank werden kann.
20. April 2017, 21:20 Uhr

Essen wir alle zu viele Süßigkeiten?

Prof. Norbert Krämer : Ja. In unserer Ernährung steckt zu viel Zucker. Nicht nur in Gummibärchen und Schokolade, sondern auch versteckt in Säften, Soßen und anderen Kleinigkeiten. Wir sind auf süß geeicht.

Frisst der Zucker Löcher in unsere Zähne?

Krämer: Nein, so funktioniert Karies nicht. Das ist ein ganz komplexes Geschehen. Für Karies brauchen wir Mikroorganismen, also Bakterien, die in unserer Mundhöhle vorkommen, niedermolekulare Kohlenhydrate, also Zucker, und Zeit. Die Mikroorganismen verstoffwechseln den Zucker, wobei Säure entsteht. Diese Säure löst den Zahn auf. Dabei gibt es noch viele Kofaktoren, die den Prozess beschleunigen können.

Zum Beispiel?

Krämer: Während wir reden, ist mein Speichelfluss minimiert. Damit ist ein Schutzfaktor niedriger, meine Zähne sind anfälliger.

Wie kann man Karies vorbeugen?

Krämer: Natürlich in erster Linie durch Zähneputzen, mindestens zweimal am Tag. Am besten mit einer Zahnpasta, die Fluorid enthält. Wenn Fluorid auf den Zähnen ist, wird der Stoffwechsel des Zuckers durch die Bakterien massiv gestört, die Zähne werden resistenter.

Wie verbreitet ist Karies?

Krämer: Das ist sehr unterschiedlich. Gerade unsere neu hinzugezogenen ausländischen Mitbürger haben häufig Probleme mit Karies, da sie nicht unsere Prophylaxeprogramme erfahren haben. Auch Menschen aus sozial schwächeren Schichten haben statistisch gesehen häufiger Karies. Generell kann man aber sagen, dass Karies bei Jugendlichen und Erwachsenen unter anderem durch die stetige lokale Fluoridierung der Zähne in den vergangenen Jahren stark abgenommen hat. Bei Kindern sieht das leider anders aus. Wir haben vor allem Probleme mit der Milchzahnkaries und deren Versorgung.

Woran liegt das?

Krämer: Die Studenten lernen viel zu wenig über das Problem der Milchzahnkaries, deren Vermeidung, die Therapie und die Folgen der Nichtbehandlung. Ein Grund dafür mag sein, dass wir längst nicht an jeder Universität eine Vertretung für das Fach haben. Es gibt in Deutschland 30 Hochschulen für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde, aber nur vier Lehrstühle für Kinderzahnheilkunde. Das genügt nicht dem internationalen Standard. Aus meiner Sicht sollten Kinder das gleiche Recht auf eine adäquate Versorgung bekommen wie Erwachsene. Allerdings bleiben nach aktuellen Studien etwa 40 Prozent der Milchzahnkaries bei Sechs- bis Siebenjährigen unversorgt.

In der Region hier sind wir allerdings vorbildlich, da sowohl in Gießen als auch in Marburg ein Lehrstuhl für Kinderzahnheilkunde vorhanden ist.

Welche Rolle spielt das Fläschchen bei der Entstehung von Karies?

Krämer: Eine große. Meistens wird die Nuckelflasche nicht mit Wasser gefüllt, sondern mit Milch oder Saft. Beides enthält Zucker. Es ist auch unerheblich, ob der Saft verdünnt wird oder nicht. Wenn die Flasche abends beim Zubettgehen oder am Morgen als Kakaoflasche zum Aufwachen gegeben wird, rieselt der Zucker über einen relativ langen Zeitraum über die Zähne. Die Karies erzeugenden Bakterien haben dann viel Zeit, den Zucker zu verarbeiten. Der Auflösungsprozess an den Zähnen zeigt sich dann vor allem auf der Innenseite der Oberkieferfrontzähne. In Extremfällen kann es dann sein, dass die Kinder nicht mal ein Jahr alt sind und eine umfangreiche Therapie unter Narkose oder mit einem Beruhigungsmittel benötigen.

Ihr Ratschlag?

Krämer: Ab dem ersten Geburtstag sollte die Flasche abgewöhnt werden. Außerdem sollte sie keine zuckerhaltigen Flüssigkeiten enthalten. Ich habe selber vier Kinder und bin jetzt Opa, ich weiß, dass das ein Kampf ist. Aber den Kampf muss man durchstehen, es lohnt sich. Wichtig ist auch, dass die Eltern die Zähne ihrer Kinder nachputzen, und das bis zum sechsten Lebensjahr. Kinder erreichen oftmals nicht die Innenseiten und die Zahnzwischenräume.

Welche Folgen kann Karies haben?

Krämer: In erster Linie Zahnschmerzen. Aber Karies tut nicht immer weh, häufig »modert« der Zahn auch vor sich hin. Das kann viele Folgen haben. Zum Beispiel soziale: Kinder mit schlechten Zähnen werden im Kindergarten häufig gehänselt. Abgesehen davon können Abszesse entstehen, zudem kann die Infektion in den Knochen wandern und ihn auflösen oder die darunterliegenden bleibenden Zähne bei der Entwicklung empfindlich stören. Wenn die Bakterien in die Blutbahn gelangen, kann das zu einer Herzklappenentzündung führen. Gerade bei Kindern mit Vorerkrankungen kann das fatale Folgen haben. (Fotos: dpa/pm)

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