09. Oktober 2018, 15:00 Uhr

Haarlem

Die schönsten Geschichten aus dem Haarlem

Ende des Jahres schließt der traditionsreiche Musikkeller in Gießen. Vor dem Abriss haben wir die schönsten Haarlem-Geschichten zusammengetragen.
09. Oktober 2018, 15:00 Uhr
Von Karen Werner,
Von Christoph Hoffmann
(Foto: Schepp)

Was wollen denn die ganzen Gruftis hier? Der Altersdurchschnitt dürfte deutlich steigen in den nächsten Wochen im Haarlem, wenn auch nur ein Bruchteil der Ex-Gäste das Versprechen wahrmacht: »Vor der Schließung gehen wir noch mal hin!«

In Hunderten von Kommentaren auf Facebook geben (frühere) Haarlem-Besucher aller Altersklassen ihrem Bedauern über den bevorstehenden Abriss der Disco Ausdruck. Wie berichtet, soll der ehemalige Kohlenkeller der Firma Rübsamen in der Schanzenstraße einer Neubebauung weichen, wahrscheinlich entstehen Wohnungen. Zum Jahresende schließt das Lokal.

1964 war der Musikkeller eröffnet worden, seit 25 Jahren ist Lutz Geipert der Besitzer. Das Grundstück zu verkaufen, sei ihm nicht leichtgefallen, sagt der 49-Jährige. Immerhin hat er im Haarlem 1998 seine Frau kennengelernt, mit der er zwei Kinder hat. Er ist nicht der Einzige, der dort den Partner oder die Partnerin fürs Leben gefunden hat. Reden kann man in der Disco nicht viel – doch wenn es beim Tanzen funkt, kann durchaus Dauerhaftes entstehen.

Diese Erfahrung haben viele Haarlem-Gäste gemacht. »Da haben wir uns kennengelernt und sind bis heute zusammen«, berichten zahlreiche Facebook-Nutzer. Manche freilich erinnern auch an »drei Stunden Rosenkrieg auf der Tanzfläche«. Und einer weist darauf hin, dass nicht jeder Wehmut empfindet: Anwohner freuten sich auf weniger nächtlichen Lärm und Schmutz. Wir erzählen einige der schönsten Haarlem-Geschichten.

 

Gutschein für die Ewigkeit

Nahezu jeder Haushalt dürfte eine Reus-Schublade haben. Wo alle möglichen Sachen landen, die sonst nirgendwo hinpassen. Auch bei den Weingartens gibt es solch eine Schublade. Und Tochter Emily hat darin vor drei Jahren einen kleinen Schatz gefunden: einen Gutschein für das Haarlem. Das Besondere daran: Das vergilbte Stück Papier stammte aus der Zeit, in der Mutter Silvia den Musikkeller unsicher machte. Emily probierte ihr Glück und überreichte den Gutschein bei ihrem nächsten Haarlem-Besuch dem Türsteher – und setzte somit eine Geschichte in Gang, die Haarlem-Chef Lutz Geipert nicht so schnell vergessen wird.

»Mir war sofort klar, dass der Gutschein mindestens 21 Jahre alt sein muss«, erzählte Geipert im September 2015. Seinerzeit stand er mit Emily und Silvia Weingarten auf der Tanzfläche. Über Facebook hatte er Mutter und Tochter ausfindig gemacht und eingeladen. Geipert hatte die Disco 1994 übernommen, unter seiner Regie seien diese Art Gutscheine aber nicht gedruckt worden. »Er muss also aus der Zeit davor stammen.«

Eine gute Zeit, wie Silvia Weingarten beim Besuch ihres einstigen Lieblingsclubs betonte. »Die Leute waren so normal, die Musik auch. Im Haarlem habe ich sogar den Vater meines ersten Kindes kennengelernt. Später tanzte ich hier auch mit Emilys Vater.« Da das Haarlem schließt, kommt auch bei den Weingartens Wehmut auf. »Dass es abgerissen wird, ist super traurig. Aber die Erinnerungen kann einem keiner nehmen«, sagt Emily Weingarten heute. Ihre Mutter Silvia hatte vor drei Jahren, als der Besuch im Haarlem zu Ende ging, übrigens gesagt: »Vielleicht werden meine Enkel ja irgendwann mal ins Haarlem gehen.« Dazu wird es leider nicht mehr kommen.

 

Glücklich seit 40 Jahren

»Ooooh wie schade! Ich dachte, meine Enkel würden da noch abfeiern«, kommentiert Zlata Loncarevic-Kröhl das bevorstehende Aus für das Haarlem. Die 59-Jährige verbrachte Ende der 70er viele Abende dort. »Es war die Saturday-Night-Fever-Ära. Häufig suchten ihre Blicke Roland Kröhl, mit dem sie »bis heute glücklich zusammen« ist.

Erstmals begegnet war sie dem fünf Jahre älteren blonden Studenten im Seltersweg. »Ich war Elftklässlerin und nach der Schule mit einer Freundin unterwegs, als er uns entgegenkam und mich angrinste. Es war so etwas wie Liebe auf den ersten Blick. Ich habe zu Hause sofort meinen Eltern davon erzählt.« Zwei Wochen später ging sie, gerade 18 Jahre alt, mit einer Freundin ins Haarlem. »Ich musste um elf zu Hause in Watzenborn sein.« Gegen halb elf kam der »Junge aus dem Seltersweg« die Treppe herunter. Danach sahen sie sich regelmäßig aus der Ferne. 

»Er war im Studium schon scheinfrei und verbrachte fast jeden Abend da. Wir durften zweimal in der Woche ins Haarlem.« Eines Tages sprach Roland Zlata an und forderte sie zum Tanzen auf. Sie wurden ein Paar und blieben zusammen – trotz des Widerstands ihrer katholischen Eltern gegen einen evangelischen Schwiegersohn. Nach vier Jahren heirateten die beiden. Die Enkel sind erst zwei und vier Jahre alt, doch Sohn (36) und Tochter (32) haben ebenfalls viele Abende im Haarlem verbracht.

Beinahe hätte Roland Kröhl dort sogar seinen 50. Geburtstag gefeiert: Seine Frau hatte die Überraschungsparty dort bereits vorbereitet, doch das Fest musste ausfallen. »Wir haben schon lange die Idee, noch mal hinzugehen. « Dieses Vorhaben wird jetzt konkret. Wenn der Sohn zu Weihnachten aus England anreist, wollen die Kröhls »einen Abend zusammen abtanzen«.

 

»Extase im Raum«

(Foto: pv)

Den jungen Kai Lenz zog es vor allem an Donnerstagabenden ins Haarlem, wenn das Motto »Gay and Friends« lautete. »Es war so eine Extase in dem Raum«, erinnert sich der 34-Jährige an die Zeit, in der er nach und nach sein Coming-out erlebte. »Man sah hübsche Männer tanzen und wusste, dass die meisten schwul sind.«

2003 lernte er auf der Tanzfläche seinen heutigen Mann Joseph Specht kennen. Die beiden wurden schnell ein Paar, doch nach knapp zwei Monaten beendeten sie die Beziehung. Über eine Freundin hörten sie gelegentlich, wie es dem anderen geht. Vor acht Jahren kamen sie erneut zusammen.

Heute wohnen sie in Petersweiher, Lenz hat sich als Wirt in Steinbach selbstständig gemacht. Sein fünf Jahre älterer Partner arbeitet in einem Möbelhaus. In diesem Sommer – »wir haben das verflixte siebte Jahr abgewartet« – haben die beiden geheiratet. Zu diesem Anlass machten sie Fotos an für sie wichtigen Orten, auch vor dem Haarlem. »Schade, dass es nicht geöffnet war, sonst wären wir reingegangen.«

Lange waren sie nicht mehr in der Disco. Sie wollen aber vor der Schließung noch einmal bei einem Besuch Erinnerungen aufleben lassen – wie so viele ehemalige Gäste. »Es ist schade, dass es abgerissen wird«, sagt Lenz, »aber das Ausgehverhalten hat sich eben geändert.« Das gelte auch für die Kennenlernmöglichkeiten von homosexuellen Männern und Frauen. Vor 15 Jahren boten etliche Gießener Lokale solche Mottoabende. Heute knüpfe man Kontakte eher über Internetforen.

 

Keine Handys, keine Fotos

»Mit dem Haarlem geht der Stadt etwas verloren«, findet Markus Dreier. Der Gießener war dort schon als Schüler und später als Student häufig zu Gast. Vor fast 20 Jahren erlebte er im Haarlem seine erste Verabredung mit seiner heutigen Frau Manuela Dreier. Die beiden hatten sich über die Arbeit kennengelernt. Die Disco war nicht der ideale Ort zum Reden, aber zum »Tanzen und Spaßhaben«.

Offenbar stimmte die Chemie: Seit 18 Jahren sind die Dreiers verheiratet, sie leben mittlerweile in Mücke. Ihre Kinder sind 17 und 15 Jahre alt und werden das Haarlem nicht mehr von innen kennenlernen, bedauert Markus Dreier. Die Eltern überlegen indes, im gereiften Alter von 48 und 42 Jahren »noch mal hinzugehen«. Dann könnten sie auch ein Versäumnis nachholen, das viele Haarlem-Nostalgiker jetzt bemerken: Sie besitzen kein einziges Foto von ihren Besuchen in dem Lokal. »Wir hatten ja noch keine Handys.«



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