17. Juni 2019, 21:28 Uhr

Die eilige Dreifaltigkeit

17. Juni 2019, 21:28 Uhr
Zum Abschluss sprechen Vertreter der teilnehmenden Gemeinden in der Bait-us-Samad-Moschee ein gemeinsames »Gebet der Religionen«. (Foto: csk)

Manche Gäste zweifeln stark. »Klingt ja alles sehr gut, aber das funktioniert doch in der Praxis niemals«, meint eine Frau am Sonntagnachmittag in der Pankratiuskapelle. Gerade hat Jasmin Reyhani den Teilnehmern des achten »Interreligiösen Stadtrundgangs« den Bahaismus nähergebracht. Während der anschließenden Fragerunde stößt vor allem das Prinzip der »fortschreitenden Gottesoffenbarung« auf Unverständnis. Demnach gibt es nicht eine göttliche Offenbarung, sondern viele unterschiedliche - je nach Zeit und Kulturkreis. Die Bahai sehen deshalb alle Religionen als auf denselben Ursprung zurückgehende Schritte eines sich evolutionär entwickelnden Glaubens. Konsequent zu Ende gedacht, erwächst daraus maximale Toleranz gegenüber Andersgläubigen. Reyhani spricht von »Updates« - und erntet bei ihren Zuhörern erst einmal jede Menge Skepsis.

Ohnehin gehört der Bahaismus hierzulande zu den weniger bekannten Religionen. Etwa 25 Mitglieder zähle die Gießener Gemeinde, sagt ein Vertreter aus dem neunköpfigen geistigen Rat, dem höchsten lokalen Bahai-Gremium. Einen eigenen Kultraum hat die Gruppe nicht, Andachten finden in Privaträumen statt. Neben den inhaltlichen Grundsätzen und der organisatorischen Struktur interessiert die Rundgangsteilnehmer besonders das Verhältnis zur Gesellschaft. Soziale Wirksamkeit entfalteten Bahai in erster Linie über ihre Nachwuchsarbeit, antwortet Reyhani. Mit dem Bahai-Glauben groß geworden, solle die Jugend für einen »Wandel« sorgen.

Bahaismus hier nicht weit verbreitet

Einen Wandel zu bewirken, ist auch das Ziel des interreligiösen Rundgangs. Jedenfalls möchte das Format, das in Gießen seit 2009 existiert, für mehr Verständnis zwischen den Religionen werben. Organisiert wird es vom »Rat der Religionen im Kreis Gießen«, den gastgebenden Gemeinden und dem Stadtmarketing. Zur Begrüßung verspricht der evangelische Ökumenepfarrer Bernd Apel diesmal eine »Reise durch zwei Jahrtausende« - binnen vier Stunden, im Umkreis von 1000 Metern. Passend zum Dreifaltigkeitssonntag könnte man aber ebenso gut von einer speziellen Trinität sprechen: Auf die Bahai folgen das katholische Christentum und der Ahmadiyya-Islam.

An Station zwei empfängt Pfarrer Hermann Heil die Rundgänger. Gerade haben sie es sich in der St.-Albertus-Kirche gemütlich gemacht, da müssen sie auch schon wieder raus. »Wir wollen uns die Kirche gehend erschließen«, erklärt Heil die Idee hinter seinem »Kirchgang«. Taufkapelle, Altar, Tabernakel, Ambo: Stück für Stück zeigt der Pfarrer, was im katholischen Glauben welche Bedeutung hat. Eine kuriose Geschichte birgt die Orgel von St. Albertus. Sie sei zwei Jahre älter als die Kirche selbst und stamme aus der 2005 abgerissenen Heilandskirche in Frankfurt-Bornheim, berichtet Heil. Als er von den Kaufverhandlungen erzählt, wirkt das Publikum belustigt. »Lachen Sie nicht«, mahnt der Pfarrer, »das war wie beim Pferdehandel«. Der Endpreis lag übrigens bei 31 000 Euro.

Zu guter Letzt führt der Weg in die 2017 eingeweihte Bait-us-Samad-Moschee. Dort hält Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz eine Ansprache, in der sie betont, »dass es viel mehr Gemeinsames als Trennendes gibt zwischen den Religionen«. Dann bringt ein Video die Geschichte der Ahmadiyya-Muslime näher. Mehr als 50 Moscheen unterhalte die Glaubensgemeinschaft mittlerweile in Deutschland, sagt Athar Butt in der abschließenden Fragerunde. In Gießen bildeten etwa 130 Menschen die Gemeinde. Eine längere Diskussion provoziert das Stichwort »Gleichberechtigung«. Der Islam kenne eher die »Gleichwertigkeit«, erfahren die Gäste. Nach einem gemeinsamen »Gebet der Religionen« ist der Rundgang beendet. Zumindest der Teil für die Seele. Auf den Leib wartet draußen noch ein Imbiss.

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