23. Dezember 2015, 12:00 Uhr

Die beliebte Weihnachtswurst

In der Metzgerei Zach-Zach geht es um die Wurst. Im wahrsten Sinne des Wortes. Nur am 23. und 24. Dezember ist die beliebte Weihnachstwurst erhältlich. Über 400 Vorbestellungen sind schon eingegangen. Kein Wunder, schließlich wusste schon Fürst von Metternich die Erzeugnisse der Familie Zach zu schätzen.
23. Dezember 2015, 12:00 Uhr
Zugegeben, das sind nicht die beliebten Weihnachtswürstchen, die Carlos (l.) und Maurice Zach-Zach in den Händen halten, sondern normale Würste. Die Originale werden erst heute und morgen hergestellt. (Foto: Oliver Schepp)

Freitagmorgen vor der Metzgerei Zach-Zach: Die Schlange reicht bis auf den Bürgersteig, die Gießener Arbeitswelt versorgt sich mit Frikadellen-, Mett- und Leberkäsbrötchen. Ein immenser Andrang, doch am Mittwoch und Donnerstag dürfte das noch getoppt werden. Dann hat das Warten ein Ende: Die Weihnachtswurst kommt.

Während in der Metzgerei fleißig Brötchen geschmiert werden, haben es sich Wolfgang Zach-Zach und seine Söhne Carlos und Maurice im benachbarten Hawwerkasten gemütlich gemacht. Bei einem Kaffee erzählen sie, was es mit der Weihnachtswurst auf sich hat. »Mein Urgroßvater war schon Metzger. Das war damals noch im Egerland. 1885«, sagt Wolfgang Zach-Zach. Später habe die Metzgerei seiner Vorfahren sogar den Fürsten Metternich beliefert. »Jede Menge Kalbfleisch. Ich habe mal eine alte Rechnung über zwei oder drei Kälber gefunden.«

Demnach haben die Gießener die Weihnachtswurst dem Fürsten zu verdanken. Da Metternich so viel Kalbfleisch verlangte, blieb auch viel Zuschnitt über, aus dem die Metzgerfamilie Wurst machte. Doch dann folgten Krieg, Vertreibung und die Flucht nach Gießen. Wolfgang Zach-Zachs Großvater eröffnete 1948 am Landgraf-Philipp-Platz die Metzgerei – im Gepäck das Rezept für die Weihnachtswurst.

Apropos Rezept: Was steckt eigentlich in der Wurst? »Kalb natürlich, aber auch Rind- und Schweinefleisch«, sagt Maurice Zach-Zach. Die geheimen Gewürze verrät er nicht. Betriebsgeheimnis. Sein Bruder Carlos offenbart immerhin, dass Zitrone in die Wurst kommt. »Für die frische Note.« Das scheint anzukommen. Über 400 Personen haben in den vergangenen Wochen schon Weihnachtswürste vorbestellt. »Die Leute reisen extra aus Köln an«, sagt Carlos Zach-Zach. »Viele kennen die Wurst noch von der Oma. Jetzt kommen die Enkelkinder und wollen die Tradition bewahren. « Um den großen Hunger zu stillen, produzieren die Zach-Zachs über 300 Kilo der Wurst – und das an nur zwei Tagen. Weil die Würste nicht gebrüht werden, können sie nicht auf Vorrat produziert werden. Alles passiert am 23. und 24. Dezember. Harte Arbeit. »Danach fallen wir auch völlig erschöpft aufs Sofa«, sagt Wolfgang Zach-Zach. Und essen dann am Heiligen Abend die Egerländer Weihnachtswurst? Der Senior muss lachen. »Nein, bei uns gibt es Fisch.« Sein Sohn Carlos erzählt, wenn man das ganze Jahr mit Fleisch und Wurst zu tun habe, freue man sich auch mal auf ein wenig Abwechslung. Abgesehen davon bleibe ohnehin nichts von der Wurst übrig. Vater Wolfgang: »Und wenn doch, kommt meist noch eine Kunde ohne Vorbestellung, dem wir dann die letzten Würste geben.« Solchen Glückspilzen rät Maurice Zach-Zach, die Würste erst zu brühen, dann in Mehl zu wälzen und anschließend ganz langsam in Butter zu braten. Man könne sie aber auch ohne das vorherige Brühen braten oder aber das Brät als Füllung verwenden.

Bleibt die alles entscheidende Frage: Wie schmeckt die Weihnachtswurst? Statt die Metzger zu fragen, gibt Redaktionskollege und Weihnachtswurst-Liebhaber Norbert Schmidt eine ganz eigene, zur zuvor geschilderten Tradition passende Antwort. Sie sei eher mild, sei fein und zart – wie all das, was man mit den Erinnerungen an die eigene Kindheit verbinde. Eben eine Delikatesse, etwas weniger Alltägliches.

»Meine Mutter war Heimatvertriebene aus Königsberg an der Eger, war Ostern 1946 mit 800 Landleuten in Krofdorf-Gleiberg angelandet.« Zu deren reichhaltigem Erbe hatte ehedem auch die Weihnachtsbratwurst gezählt; Jahr für Jahr meisterhaft zelebriert von den Buberl-Metzgern. So sei denn, sagt (no), der Geschmack nicht allein mit dem Gaumen zu erfassen. Er sei vielmehr etwas Sinnliches, etwas zutiefst Wesentliches. »Weihnachtswurst schmeckt nach Herkunft.« Vollends in der Fusion mit Kraut aus Oberhessen.
In diesem Sinne: Frohe Weihnachten – und guten Appetit!   Christoph Hoffmann

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