22. Dezember 2017, 18:05 Uhr

Kanalreiniger

Die Unterwelt-­Profis

Kanalreiniger Wilhelm Westbrock stand Pate für die Figur des Schlammbeisers. Seine Nachkommen, die heute die Gießener Firma führen, haben es dank moderner Technik leichter.
22. Dezember 2017, 18:05 Uhr
Profis der Unterwelt. Firma Westbrock. In den 50er Jahren waren die Profis mit motorisierten Dreirädern unterwegs. Foto: pm

Wenn der orangefarbene Transporter von Gerd und Christian Westbrock vorfährt, sind die Kunden heilfroh. Er ist eine Art Rettungswagen. Verstopfte Rohre und Abflüsse gehören zu den übelsten Notfällen, die man in Haus oder Wohnung haben kann, daher sind die Fachmänner immer hoch willkommen. Je nachdem, mit welchem Problem sie es zu tun haben, rücken sie mit Hochdruckspülwagen, Fräsmaschinen, Metallspiralen oder auch Kamerasystemen an. Anglerhosen, um in die Kanalisation hinabzusteigen, haben sie zwar auch immer dabei, doch ist ihre Arbeit ungleich angenehmer als die ihrer Vorfahren. »Zimperlich darf man natürlich nicht sein«, sagen sie.

 

Unternehmen in vierter Generation

Das war in der langen Tradition ihrer Familie auch noch keiner, und so kommt es, dass das Unternehmen Westbrock bald 100 Jahre alt wird und in vierter Generation geführt wird. Seit Christians Urgroßvater Wilhelm 1921 die erste Kanalreinigung der Stadt gegründet hat, führten die nachfolgenden Westbrocks die Geschäfte weiter: Auf Wilhelm folgte Willi, danach übernahmen die Brüder Bernd und Wilfried die Geschäfte. Heute sind die Cousins Christian und Gerd am Ruder. Abgesehen davon, dass die jeweiligen Chefs selbst Wasser- und Installationstechnik gelernt haben, werden Kenntnisse und langjährige Erfahrungen weitergereicht.

»Uns ist nichts Menschliches fremd«, sagt Bernd Westbrock, der sich mittlerweile zur Ruhe gesetzt hat. Sein vielsagendes Lächeln lässt ahnen, was er damit meint. »Sie glauben ja nicht, was die Leute alles ins Klo werfen oder in den Abfluss schütten.« Wenn dann gar nichts mehr geht oder die stinkende Brühe die falsche Richtung nimmt, ist die Verzweiflung groß.

Besonders gut für ihr Geschäft sind feuchtes Klopapier und Fett, sagen die Westbrocks mit feiner Ironie. Mit diesen Klassikern haben es die Männer besonders häufig zu tun. »Da schütten studierte Leute den Inhalt ihrer Fritteuse in den Abfluss und wundern sich später«, sagt Bernd Westbrock fassungslos. Tampons, Essensreste, Verpackungen, Fett – Spültaste drücken, weg damit. Das geht eine Weile gut, wird aber irgendwann ein Fall für die Abfluss-Profis.

 

Ein hygienisches Desaster

Erst Anfang des 20. Jahrhunderts erhielt die Stadt Gießen eine kommunale Kanalisation, etwa 50 Jahre später als das benachbarte Marburg. Bis dahin war die Abwasser- und Fäkalienentsorgung ein hygienisches Desaster. Schlammbeiser – eigentlich Schlamp-Eiser – zogen mit Karren, Eisenstangen und Kübeln durch die Stadt, um die häuslichen Abortgruben zu leeren.

Nach dem Foto von Wilhelm Westbrock wurde schließlich der berühmteste Gießener angefertigt: Die Skulptur steht seit 1988 auf dem Kirchenplatz. Prominent wurde der Schlammbeiser durch Axel Pfeffer, der ihn viele Jahre als Fassenachter verkörperte. Heute erklärt Peter Meilinger bei Stadtführungen im Kostüm des Schlammbeisers, dass es in der vermeintlich guten alten Zeit in unserem Städtchen ganz schön zum Himmel stank.

Das Metier der Firma Westbrock war und ist die Gießener Unterwelt, aber sie ging stets mit der Zeit. Wie man auf alten Fotos sehen kann, wurden die Geräte im Laufe der Zeit moderner, die Technik hielt Einzug, und aus dem Handkarren wurden in den 50er Jahren Kleinlaster mit drei Rädern. Die Familie zog vom Asterweg ins Sandfeld, statt des heutigen Wohnviertels gab es damals dort nur Gärten und Wiesen.

 

Nichts in Klo schütten

Was raten die heutigen Schlammbeiser ihren Kunden? Nichts ins Klo schütten, was dort nicht hineingehört, das versteht sich von selbst. Nicht so versessen sein, Wasser zu sparen, ist ein weiterer Tipp. Die Rohre müssen ordentlich durchgespült werden. Die heutigen Wasserspartasten fördern Verstopfungen. Und von chemischen Abflussreinigern sollte man unbedingt die Finger lassen. Wenn man Pech hat, setzen Pulver und Granulat sich fest wie Beton, und dann geht gar nichts mehr. Haben Westbrocks Hoffnung, dass die Gießener tun, was sie ihnen raten? Eher nicht. Da sind sie ebenso realistisch wie gelassen.

In 100 Jahren hat sich in dieser Hinsicht nicht viel verändert. Und deshalb ist der orangefarbene »Rettungswagen« immer hoch willkommen.

Zusatzinfo

Ein Hoch auf den Pömpel

In jeden Haushalt gehört ein Pömpel, sagen Westbrocks. Mit der Saugglocke, die in jedem Baumarkt für ein paar Euro zu haben ist, kann eine Verstopfung im Siphon leicht selbst gelöst werden, indem mit ihr sowohl Über- als auch Unterdruck erzeugt wird. Der Pömpel oder Pümpel, der je nach Region ganz unterschiedliche Namen hat, wurde durch den Cartoonisten Tetsche berühmt, der in vielen seiner Zeichnungen (zum Beispiel im »Stern«) ein solches Werkzeug versteckt hat.

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