20. Juni 2017, 20:35 Uhr

»Die Türken sind die Türken«

20. Juni 2017, 20:35 Uhr
Ilber Ortayli hielt seinen Vortrag auf Deutsch und Türkisch. (Foto: csk)

Scharniere sind ambivalent. Sie bringen Bewegung zwischen zwei Teile, die beide fest an ihrem Platz bleiben müssen, damit der Mechanismus funktioniert. Dass der türkische Historiker Prof. Ilber Ortayli seinen Vortrag über »osmanisch-osteuropäisch-nahöstlich-persische Verflechtungen«, den er am Freitagabend in der Uni-Aula hielt, »Das Osmanische Reich als Scharnier« genannt hatte, verwies also auf zweierlei: auf die historische Mobilität zwischen den Osmanen und ihren Nachbarn – und darauf, dass selbst der stärkste Wandel meist auch etwas Bewahrendes hat.

Was kulturellen Austausch betrifft, thematisierte Ortayli, der abwechselnd auf Deutsch und auf Türkisch vortrug, besonders die Beziehungen von Osmanen und Persern. Ein Beispiel: Während viele Wissenschaftler betonten, dass der Islam im Wesentlichen mit arabischen Völkern zu den Osmanen gekommen sei, werde die historische Schlüsselrolle der Perser meist unterschätzt. »Die Türkei hat den Islam vom Perser gelernt«, erklärte Ortayli, der andererseits »die Rolle der Araber nicht zu klein machen« wollte.

Stärkster Wandel hat Bewahrendes

Zeitlich erstreckte sich das Panorama, das er seinem Publikum eröffnete, vom 15. Jahrhundert bis fast in die Gegenwart, geografisch vom Moskauer Reich und Polen-Litauen über den Nahen und Mittleren Osten bis zum arabischen Raum. Thematisch standen die sogenannten Turkvölker im Mittelpunkt, also neben den Türken im heutigen Sinne unter anderen Aserbaidschaner, Usbeken, Kirgisen und Turkmenen. Das Osmanische Einflussgebiet betrachtete Ortayli damit in seinen weitesten Grenzen, die im 16. Jahrhundert im Norden bis Ostmitteleuropa reichten und im Süden in Nordafrika verliefen. Sein Vortrag ließ sich so nicht zufällig auch als programmatischer Auftakt für den neuen Schwerpunkt der Justus-Liebig-Universität, »Transottomanica« verstehen, der zum Wintersemester die Arbeit aufnimmt.

Forschungslücken, die in diesem institutionellen Rahmen zu füllen sind, skizzierte Ortayli gleich mehrere. Besonders dringlich sei etwa, türkische Einflüsse auf den Iran zu untersuchen sowie die Arten, »wie sich diese beiden Kulturen historisch amalgamiert haben«. Nicht zuletzt liege hier ein Schlüssel für ein fundierteres Verständnis aktueller Konflikte. Während Ortayli im Umgang mit geschichtlichen Prozessen für maximale Differenzierung – zwischen Regionen und Imperien, Völkern und Stämmen – plädierte, beantwortete er die politisch brisante Frage eines Zuhörers nach der Position von Kurden und Jesiden im »türkischen Stamm« ganz anders: »Die Türken sind die Türken.«

Kein Land isoliert zu betrachten

Hier berührten sich Vergangenheit und Gegenwart. Ortayli nutzte diese Gelegenheit, um einen größeren Stellenwert für das Studium der osmanischen Geschichte und ihrer Verflechtungen zu fordern. In der Türkei scheitere es oft schon an mangelnden Sprachkenntnissen, vor allem des Osmanischen und Arabischen, während diese bei Turkologen in anderen Ländern häufiger vorhanden seien. »Es ist aber unsere Pflicht, die osmanische Vergangenheit der Türken selbst zu studieren«, sagte Ortayli.

Gerade Historiker müssten sich über Grenzen hinaus mit bedeutsamen Nachbarkulturen und transkulturellen Verflechtungen beschäftigen, weil »kein Land isoliert« betrachtet werden dürfe.Wie Ortaylis Vortrag exemplarisch deutlich machte, spielen Wandel und Stabilität dabei gleichermaßen eine Rolle. Ersterer beschreibt die fortwährende Bewegung von der Vergangenheit zur Gegenwart, letztere begründet ein tieferes Verständnis für die Wurzeln zeitgenössischer Phänomene. Zu dem Vortrag hatten die Professoren für Südosteuropäische Geschichte und Turkologie der Justus-Liebig-Universität sowie der Studierendenverein Türkeli eingeladen.

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