04. Februar 2019, 11:00 Uhr

Handy-Vorgänger

Die Telefonzelle stirbt in Gießen aus

Sie gehörten überall zum Straßenbild und spielten wichtige Rollen in manchem Krimi: Telefonzellen. In aller Stille macht ihnen das Handy nun den Garaus. Auch in Gießen.
04. Februar 2019, 11:00 Uhr
Derzeit gibt es in Gießen noch 31 öffentliche Fernsprecher, vom »Basistelefon« am Metallpfosten bis zum klassischen »Häuschen« wie hier an der Sudetenlandstraße. (Foto: Schepp)

Fasse dich kurz!« mahnte ein Aufkleber. Tatsächlich standen oft Nachbarn vor der Tür und warteten, dass man das Gespräch beendete, obwohl doch der »Mondscheintarif« nach 18 Uhr endloses Plaudern erlaubte – samt gemütlicher Zigarette, der Aschenbecher gehörte zur Einrichtung. Glasscheiben sollten das Mithören verhindern, denn man besprach Privatangelegenheiten nicht vor aller Ohren. Telefonzellen waren unverzichtbar: Für alle, die zu Hause keinen eigenen Anschluss hatten; außerdem beispielsweise für Spione, Kriminelle oder Seitenspringer. Solche Erinnerungen sind Nostalgie, denn das Handy verdrängt die öffentlichen Fernsprecher. In Gießen stehen noch 31 Exemplare, Tendenz sinkend. Im Jahr 2010 waren es noch gut dreimal so viele, nämlich 97.

Über das immer rasantere Aussterben entscheide letztlich »allein der Kunde«, betont ein Sprecher der Deutschen Telekom auf GAZ-Anfrage. Ein Bedarf bestehe offensichtlich nur dort, wo das Angebot genutzt wird. Überall, wo es wirtschaftlich sinnvoll ist, blieben öffentliche Telefone in Betrieb; zum Beispiel in Bahnhöfen, Flughäfen oder auf Messegeländen. Dass sich der Betrieb an solchen Orten lohnt, sieht man daran, dass mitunter auch andere Anbieter dort Telefone aufstellen.

 

Ab 50 Euro unwirtschaftlich

Was »Wirtschaftlichkeit« bedeutet, hat die Telekom im Lauf der Jahre immer wieder neu definiert. Vor 25 Jahren galt ein erforderlicher Mindestumsatz von 250 Mark (etwa 130 Euro). Heute liegt die Grenze bei 50 Euro. Der Sprecher verweist auf erhebliche laufende Kosten für Strom, Reinigung, Wartung und Reparaturen. Allein der Vandalismus verursache jährlich etwa eine Million Euro Kosten bei bundesweit noch knapp 17 000 öffentlichen Fernsprechern.

Zur »Blütezeit« in den Neunzigerjahren waren es über 160 000. Nach der Wiedervereinigung wurden in den neuen Bundesländern viele Telefone aufgebaut, weil etliche Privathaushalte keinen Anschluss hatten.

Seitdem wurden die Zellen zwar immer wieder modernisiert: Sie mutierten vom Postgelb auf rostendem Metall zum Telekom-Grau mit Magenta, erlaubten den Rückruf oder den Versand von SMS-Nachrichten. Heute beherbergen viele einen W-Lan-Hotspot. Doch der Siegeszug des Handys drückt die Nutzerzahlen. Statistisch hat jeder Bundesbürger 1,6 SIM-Karten, so die Telekom.

 

Keine Beschwerden wegen Abbau

Das einstige Staatsunternehmen ist zur Grundversorgung mit öffentlichen Münz- und Kartentelefonen verpflichtet. Was das heißt, wird angesichts der geänderten Kommunikationsgewohnheiten aber anders beantwortet als früher. Bei »extrem unwirtschaftlichen Umsätzen« unter 50 Euro im Monat kann die Telekom die jeweilige Kommune um den Abbau bitten.

Die Stadt oder Gemeinde darf nach einer Überprüfung der Bedarfssituation zwar den Abbau verweigern. Das geschehe aber immer seltener, erklärt Gießens Magistratssprecherin Claudia Boje. Vor wenigen Jahren beharrte eine Arbeitsgruppe in der Stadtverwaltung noch darauf, dass in der Kernstadt maximal ein Kilometer Entfernung zwischen den Standorten liegen dürfe und es in jedem Stadtteil mindestens eine Telefonstelle gibt. Nicht nur auf zentralen Plätzen, sondern auch in weniger frequentierten Bereichen sollten Telefone stehen, um »soziale Kontrollaspekte« zu berücksichtigen. Diese Kritierien ließen sich wegen des zurückgehenden Bedarfs nicht mehr aufrechterhalten, so Boje. An manchen Standorten liege der Umsatz nur bei 10 Euro im Monat.

Wenn die Kommune dem Abriss widerspricht oder sich beide Seiten auf ein Minimalangebot einigen, kann das Unternehmen den Fernsprecher durch ein kostengünstiger zu unterhaltendes Basistelefon ersetzen. Es ist an einem Metallpfosten angebracht und kann – außer für kostenlose Notrufe – nur mit Telefon- oder Kreditkarte benutzt werden. Dies soll Vandalismus von Bargeldjägern vorbeugen. Solche Modelle hängen zum Beispiel in der Gießener Fußgängerzone.

Boje betont: »Beschwerden der Bevölkerung über den fortschreitenden Abbau sind schon einige Jahre nicht mehr eingegangen.«

Recycling erwünscht

Eine Telefonzelle für den Garten?

Ob Bücherschrank, Mini-Tonstudio oder Gartendusche: Der Fantasie bei der Nutzung ausrangierter Telefonzellen sind keine Grenzen gesetzt. Jeder Privatmensch kann bei der Telekom die Häuschen erstehen – allerdings gibt es nur noch Exemplare in Grau-Magenta, die ganz alten im Bundespost-Gelb sind vergriffen. Ab etwa 450 Euro – Lieferung und Montage nicht inbegriffen – ist so ein historisches Stück zu haben. Alle nicht mehr verkäuflichen Zellen würden fachgerecht entsorgt und das Material recycelt, versichert die Telekom. Informationen gibt es unter info@telekom.de.

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