Stadt Gießen

Die Steuerfrau

Sie hat das Steuer fest in der Hand – seit fast 40 Jahren. Inge von Alvensleben führt das Familienunternehmen Wobst mit Weitsicht. Wenn sie in die Zukunft blickt, ist sie nicht bange, denn ihre Tochter Constanze wird in ihre Fußstapfen treten. Bei einem Besuch wird klar: Bei dem Autoteile-Spezialisten dreht sich viel, aber längst nicht alles um Technik.
05. Mai 2017, 20:05 Uhr
Christine Steines
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Ein gutes Team: Inge von Alvensleben und ihre Tochter Constanze. (Foto: Schepp)

Im Besprechungsraum hängt eine lustige Fotomontage aus den 50er Jahren: die Mitarbeiter der Firma Wobst unterwegs in einem großen, offenen Cabrio. Lachende Gesichter, alle passen rein, alle haben Spaß. Der Chef lenkt die Limousine. Seit damals hat sich viel verändert. Der Chef, das war Firmengründer Felix Albert Wobst, ein Unternehmertyp alten Schlages: Ein autoritärer Patriarch, der mit Leidenschaft dicke Zigarren paffte und dem Betrieb zur Blüte verhalf. Der einerseits keinen Widerspruch duldete, andererseits aber umsichtig für seine Schäfchen sorgte – beispielsweise mit der Schaffung günstigen Wohnraums. Seine Tochter Inge leitet heute ein Team, in dem jeder, der eine führende Position bekleidet, auch Verantwortung übernimmt. Das kann er nur, wenn er kompetent ist und richtig gut in seinem Job. Womit wir bei einem Lieblingsthema der jetzigen Chefin angekommen sind: Fordern und fördern sind ihr gleichermaßen wichtig.

Bevor Inge von Alvensleben die Firma 1978 übernahm, sahen ihre Zukunftspläne ganz anders aus. Die junge Bankkauffrau und Dolmetscherin hatte bei der EU in Brüssel gerade eine Stelle als Simultan-Übersetzerin angetreten, als die Nachricht vom plötzlichen Tod ihres Vaters ihr Leben veränderte. Sie kehrte zurück nach Gießen und übernahm die Leitung der Firma. »Das war wirklich ein Sprung ins kalte Wasser«, erinnert sie sich. Sie arbeitete sich in kurzer Zeit in die Materie ein und erkannte schnell, wie wichtig es ist, sich auch in den Gremien der – von Männern dominierten – Branche zu engagieren. Anfangs kam es durchaus mal vor, dass sie bei einer Fachtagung gefragt wurde, warum sie nicht lieber am Damen-Ausflugsprogramm teilnehme. Doch Inge von Alvensleben ist keine Frau, die sich leicht entmutigen lässt. Auch im eigenen Betrieb hatte sie nie ein Autoritätsproblem. Keiner kam je auf die Idee, sie nicht ernst zu nehmen – und das will in dieser maskulinen Welt der Autonarren und Schrauber etwas heißen.

In den ersten Jahren kümmerte sich ihr Ehemann um den Bereich der Drucklufttechnik und baute schließlich in Ostdeutschland ein neues Unternehmen auf, während sie in Gießen auf Erfolgskurs blieb, indem sie das Geschäft erweiterte und zu den Gründungsgesellschaftern von Carat gehörte. Neben dem Hauptsitz der Firma im Ursulum gibt es Filialen in Hungen, Butzbach und Grünberg.

Ähnlich wie Felix Albert Wobst, verfügt auch seine Tochter über unternehmerische Weitsicht. So war ihr schon früh klar, dass sie selbst etwas gegen den Fachkräftemangel tun musste. Im Hause Wobst zieht man sich seine Experten selbst heran – gut ausgebildete junge Leute bleiben der Firma oft erhalten und ergänzen die erfahrene Mannschaft. Doch der Unternehmerin, die seit Langem auch Mitglied der IHK-Vollversammlung ist, geht es nicht nur um den eigenen Betrieb, sondern auch um die Stärkung der Region. Und nicht zuletzt ist es eine gesellschaftspolitische Aufgabe, junge Menschen zu unterstützen. Ein Mosaikstein ihres Engagements sind die Deutschland-Stipendien, mit denen sie jedes Jahr herausragende Studierende fördert. Inge von Alvensleben unterstützt immer wieder innovative Ideen im Bereich der Aus- und Weiterbildung. Ein Lieblingsprojekt ist »News to use«, eine Aktion in Zusammenarbeit mit den Hessischen Zeitungsverlegern. Die Auszubildenden bekommen ein Jahr lang eine Tageszeitung und legen regelmäßig Online-Tests mit verschiedenen Fragestellungen ab. Ziel ist es, die Lese- und Schreibkompetenz zu erhöhen und das Interesse der Jugendlichen für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zu wecken. Offenbar geht die Idee auf, denn Inge von Alvensleben ist begeistert: »Die Azubis sind stolz darauf, wenn sie mitreden können, das ist auch ganz großartig für das Selbstbewusstsein.« Wenn es irgendwo klemmt, setzt sie sich mit den Auszubildenden zusammen und hilft. »Ich möchte, dass sie mündige Bürger werden, die selbst nachdenken«, sagt sie bestimmt. Je mehr sie wissen, desto besser.

Keine Frage, dass dies eine Herzensangelegenheit der Chefin ist. Von diesem Engagement berichtet sie mit großer Freude. Auch von den Aktivitäten bei den Soroptomistinnen, die viele soziale Projekte unterstützen. Nur wenn es um ihre Person geht, wird Inge von Alvensleben wortkarg. Und was sagen die Mitarbeiter über ihre Arbeitgeberin? Auf der einen Seite ein derbes Ambiente mit Reifen, Werkstattzubehör und Kompressoren, auf der anderen Seite diese zarte, elegante Erscheinung. Wie passt das zusammen? Die Chefin ist sicher niemand, in deren Gegenwart man auf dem Sofa lümmelt, Kaugummi kaut oder gar in der Nase bohrt. Man begegnet ihr mit Achtung und großem Respekt. Eine Chefin, vor der man sich fürchtet, ist sie aber nicht. »Auf gar keinen Fall«, heißt es einhellig, sie habe immer ein offenes Ohr für alle Anliegen. Für Verkaufsleiter Andreas Böhler ist sie »Inspiration, Herausforderung, Motivation, Tadel und in den entscheidenden Momenten unerschütterlich.«

Seit vier Jahren ist Constanze von Alvensleben Mitglied der Geschäftsleitung. Im Gegensatz zu ihrer Schwester, die Juristin geworden ist, hatte die Betriebswirtin Interesse daran, in das Familienunternehmen einzusteigen und in die Fußstapfen ihrer Mutter zu treten. Nachdem sie einige Jahre in Australien in der Ölindustrie tätig war, kehrte sie zurück nach Gießen. »Sie ist eine Visionärin und brennt für die Sache, dabei ist sie sehr strukturiert«, gerät ihre Mutter ins Schwärmen. In Kürze wird die dritte Generation das Steuer übernehmen. »Ich bin dankbar, froh und sehr stolz.«

Betriebsausflüge wie in den 50er Jahren gibt es auch heute noch. Inge von Alvensleben lässt sich immer etwas einfallen. Ein Besuch im Kloster Arnsburg mit Führung oder auf der Saalburg mit Ritterspielen, ein gemeinsamer Konzertbesuch, ein Musical, eine Bootstour mit Besichtigung der Fischtreppe. Spaß macht es immer, und immer nehmen alle neue Erkenntnisse mit. Wie war das noch? Je mehr sie wissen, desto besser.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/stadtgiessen/Stadt-Giessen-Die-Steuerfrau;art71,250998

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