28. Februar 2018, 22:00 Uhr

Die Stadt und ihre Zuzügler

28. Februar 2018, 22:00 Uhr
Avatar_neutral
Von Christian Schneebeck

Gießen (csk). Je mehr Menschen sich in eine Stadt bewegen, desto mehr gerät eine Stadt in Bewegung. Die einen kamen als Soldaten, die anderen auf der Flucht vor Krieg, manche bauten als Professoren oder Studenten die Universität mit auf, andere gründeten hier ihr Unternehmen und befeuerten so die Industrialisierung. Ganz egal, mit welchen Motiven es Zuzügler seit jeher nach Mittelhessen verschlagen hat: »Immer und überall in der Gießener Stadtgeschichte findet man Bezüge zu Migration«, berichtete Stadtarchivar Dr. Ludwig Brake, als er das Ausstellungsprojekt »12 Mal Gießen – Vom Hügelgrab zum Kletterwald« im Ausländerbeirat vorstellte.

Im kollektiven Gedächtnis der Stadt existierten die Geschichten der Migranten trotz ihrer Bedeutung bis heute aber nur bedingt, erklärten Brake und seine Mistreiterin Dr. Georgia Rakelmann vom Verein »Transit Gießen«. Im Oberhessischen Museum seien sie kaum repräsentiert. Aus der Zeit nach 1950 gebe es dort sogar »fast nichts über Arbeitsmigranten und Flüchtlinge«. Auch damit sich das ändert, beginnt in der Kunsthalle demnächst die zweiwöchige Ausstellung.

Zwölf Exponate dienen ihr als Leitobjekte, um an zwölf Stationen die Geschichte(n) Gießens zu erzählen. So belegen die ältesten Funde vorgeschichtliche Wanderungsbewegungen, während ein Schuhputzkasten, der nach dem Zweiten Weltkrieg vom Bosporus an die Lahn gekommen ist, auf die Arbeitsmigration der 1950er- und 1960er-Jahre hinweist. Und auch anhand ihrer Motive lassen sich die Migranten unterscheiden. Die ersten Professoren der Ludoviciana seien »im Prinzip Flüchtlinge aus religionspolitischen Gründen« gewesen, sagte Rakelmann. Brake erzählte von einem Lager für Kriegsgefangene, in dem nach dem Ersten Weltkrieg bis zu 26 000 fremde Soldaten als »Zwangsmigranten« in Gießen gelebt hätten.

Für Kriegs- und Armutsflüchtlinge ist die Stadt dagegen laut Rakelmann schon seit mehr als 70 Jahren ein Zufluchtsort. Die »Stadt der Flüchtlinge« findet in der Ausstellung deshalb ebenso einen Platz wie das »Junge Gießen«.

Weil nicht nur die Ausstellung, sondern auch die Arbeit daran »niedrigschwellig« und für alle Bürger offen sein soll, sammeln die Initiatoren seit einiger Zeit bei »Erinnerungstreffen« Objekte wie Fotos, Gegenstände, aber auch Anekdoten und Geschichten aus der Bevölkerung. Ganz im Sinne des Projekts Stadt[Labor] sollen so möglichst viele Interessierte eingebunden werden. Die Mitglieder des Ausländerbeirats zeigten sich angetan. »Das ist eine ganz wichtige Sache für uns«, sagte der Vorsitzende Zeynal Sahin.

Nordstadtmanager Lutz Perkitny verwies auf eines der nächsten offenen Treffen, bei dem am Freitag, 16. März, von 18.30 Uhr an im Alevitischen Kulturverein, Reichenberger Straße 5–7, wieder Fotos, Objekte und Erinnerungen gesucht werden.



0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos