24. August 2018, 22:11 Uhr

Die Retterin der Schildkröten

Vor 30 Jahren hat Sabine Schoppe in Gießen Biologie studiert. Inzwischen lebt die Forscherin auf den Philippinen, wo ihr jetzt eine wissenschaftliche Sensation gelungen ist.
24. August 2018, 22:11 Uhr
Sabine Schoppe hält auf den Philippinen eine Schildkröte in der Hand. (Foto: pm)

Sabine Schoppe steckt noch der Jetlag in den Knochen. Die promovierte Biologin ist erst vor einem Tag in Frankfurt gelandet. Jetzt sitzt sie am Esstisch bei ihren Freunden Matthias Korn und Lene Metzner Korn in Linden und erzählt von Sonja, der Baby-Schildkröte. Die Kleine ist zwei Monate alt, kaum handtellergroß und Schoppes ganzer Stolz, denn sie gehört zu den seltenen Palawan-Waldschildkröten und ist das erste Exemplar ihrer Art, das in menschlicher Obhut gezüchtet wurde. Für die Forscherin, die sich seit Jahren für den Erhalt der bedrohten Art einsetzt, ist das ein großer Erfolg.

Schon während ihres Studiums in Gießen spezialisierte sich Schoppe auf Meeresbiologie. Kurz darauf ging sie für den Deutschen Entwicklungsdienst auf die Philippinen. Das war vor 23 Jahren. »Ich habe damals auf einer kleinen Insel ohne Strom und fließendes Wasser gewohnt«, erzählt sie. Doch nicht nur die spartanischen Lebensbedingungen machten den Anfang schwer. »Man darf dort nicht mit einer deutschen Einstellung hingehen.« Stattdessen musste Schoppe lernen, unter den temperamentvollen Philippinos nach und nach ihre deutsche Zurückhaltung abzulegen.

Mit den ersten Schildkröten hatte sie zu tun, als sie nach vier Jahren eine Stelle an der Uni annahm und Studenten ihr immer wieder Tiere, die sie gefunden hatten, zur Bestimmung brachten. Zwischenzeitlich hatte die Forscherin mit fünf Gleichgesinnten außerdem die Katala Foundation gegründet, um sich für den Erhalt des philippinischen Kakadus einzusetzen. Nach sechs Jahren an der Uni stieg Schoppe voll bei der Stiftung ein. »Aber eigentlich war ich gar keine Vogel-Frau«, sagt sie. Reptilien hatten es ihr mehr angetan. Also etablierte Schoppe ein Schutzprogramm für philippinische Süßwasserschildkröten.

Die Palawan-Waldschildkröte stand bald im Mittelpunkt. Die Art galt lange als ausgestorben, weil man sie an dem Ort, für den sie ursprünglich beschrieben worden war, nicht mehr fand. Dann stellte sich heraus, dass die Schildkröte nie dort gelebt hatte und es auf Palawan sehr wohl noch lebende Exemplare gab. Für die Schildkröten fingen die Probleme damit erst richtig an. Wilderer machten sich auf die Suche nach ihnen, um sie ins Ausland zu schmuggeln. In China zum Beispiel werden die Tiere gegessen, als Haustiere gehalten oder zu traditioneller Medizin verarbeitet.

Schoppe und ihr Team versuchten, die Schildkröten in ihrem natürlichen Lebensraum zu schützen und päppelten in einem eigens eingerichteten Zentrum konfiszierte Reptilien auf. »Wir haben auch versucht, die Art zu züchten«, sagt Schoppe, »dabei wusste man praktisch nichts über die Tiere.« Wenn die Schildkröten noch nicht voll ausgewachsen sind, lässt sich nicht einmal ihr Geschlecht unterscheiden. Als das Zentrum 40 beschlagnahmte Tiere auf einmal aufnehmen musste, verteilten Schoppe und ihre Mitarbeiter die Schildkröten auf drei große Gehege. Doch kaum zu Kräften gekommen, gingen die Tiere aufeinander los. Von da an wurden sie einzeln gehalten und nur noch zur Paarung zusammengelassen.

In der Natur leben die Waldschildkröten in kleinen, langsam strömenden Flüssen. Die Männchen bleiben dabei immer in klar abgegrenzten Revieren. Die Weibchen ziehen umher. Ein bis zwei etwa hühnereigroße, längliche Eier legen sie pro Gelege, bis zu sechs Eier im Jahr. Auch die in Gefangenschaft lebenden Schildkröten legten bald fleißig Eier. Doch Nachwuchs schlüpfte daraus nie. »Die Schildkröten sind total stressempfindlich«, sagt Schoppe. »Sie mögen kein Licht, und sie mögen es auch nicht, wenn die Pfleger kommen, um die Gehege zu reinigen.«

Zucht in Gefangenschaft

Unter diesen Umständen ist es ungemein schwierig, die Palawan-Waldschildkröte in Gefangenschaft zu züchten. Dennoch behaupten immer wieder Leute, genau das seit Jahren erfolgreich zu tun. In Wirklichkeit soll damit jedoch nur der illegale Handel mit den Tieren vertuscht werden. Für die bedrohte Art ist das ein großes Problem, da gutgläubige Käufer – auch hierzulande – so unbeabsichtigt zur Dezimierung der Schildkröten beitragen.

Sonja gibt nun Anlass zur Hoffnung. Kaum hatte Schoppe ihren Schlüpfling entdeckt, schickte sie auch gleich ein Foto an ihre Studienfreunde in Gießen. Die verfolgen Schoppes aufregendes Forscherleben aus der Ferne und würden sie am liebsten zurück nach Deutschland holen, um sie häufiger als einmal im Jahr zu sehen. Aber daraus wird wohl nichts werden. Denn ein Leben ohne ihre Schildkröten kann sich die Biologin nicht mehr vorstellen.

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