24. November 2017, 19:00 Uhr

Wieseck

Die Mühe hat sich gelohnt

Ziemlich heruntergekommen war das einstige Torhaus einer Hofreite in Alt-Wieseck. Inzwischen ist das um 1700 entstandene Bauwerk nach liebevoller Renovierung kaum wiederzuerkennen.
24. November 2017, 19:00 Uhr
Viel Herzblut und Geld haben Ute und Hanns-Georg Thelen in das Torhaus investiert, damit in der Wiesecker Kirchstraße eine Hofreite wieder aussieht wie im 18. Jahrhundert.

Seit 1985 leben Ute und Hans-Georg Thelen in der Kirchstraße in einem großen Fachwerk-Doppelhaus aus dem 16. Jahrhundert, das zuvor kernsaniert worden war. Deshalb wussten die beiden Wiesecker genau, auf was sie sich einließen, als sie vor anderthalb Jahren das leerstehende Nachbarhaus erwarben, das zwar auf der Denkmalschutzliste steht, aber nicht danach aussah. Die Gelegenheit zum Kauf hatte sich ergeben, weil der Mieter ausgezogen war und der Eigentümer sich nicht in der Lage sah, das äußerlich und innerlich heruntergekommene Haus wieder so herzurichten, dass es sich erneut vermieten lässt.

 

Mit Denkmalpfleger abgestimmt

 

Das Torhaus aus dem 18. Jahrhundert ist in der damals typischen Bauweise entstanden: 4,50 Meter hohe Küche mit offener Feuerstelle und Esse darüber, daneben das Wohnzimmer drei Stufen höher, darunter ein niedriger Kohlekeller mit Zugang von der Straße, darüber im Obergeschoss die Schlafräume.

In enger Abstimmung mit dem städtischen Denkmalpfleger Joachim Rauch und unter Regie des Architekten Udo Sartorius, der auf die Sanierung von Fachwerk-Lehmbauten spezialisiert ist, ließen die Thelens das Gebäude wieder in Anlehnung an den ursprünglichen Zustand herrichten und zugleich technisch zeitgemäß ausstatten.

 

Fachwerk wieder sichtbar gemacht

 

Die verputzte Fachwerkfassade wurde wieder sichtbar gemacht, das Dach wurde mit unglasierten Doppelmuldenfalzziegeln in naturrot neu eingedeckt, die zwischenzeitlich vergrößerten Fenster wurden verkleinert und originaltreu in Holz nachempfunden, mit jeweils zwei Flügeln und einem Oberlicht. Ein Zimmermann baute auch neue Türen, Zargen und Fußböden ein, die Wände erhielten einen Lehmputz. Teile der alten Eichenbalken des Fachwerks waren nicht mehr stabil genug und wurden ausgetauscht, zum Teil mit Balken aus einem jüngeren Anbau, der als Werkstatt genutzt worden war und nun abgerissen werden durfte.

 

Schnuckelige Liebhaber-Wohnung

 

Herausgekommen ist eine schnuckelige Liebhaber-Wohnung mit rund 75 Quadratmetern, in die sich kürzlich eine Freundin der Familie verliebt hat. Mitte Dezember wird die 29-jährige Betriebswirtin einziehen und dann eine ortsübliche Miete für Neubauwohungen zahlen. Wirtschaftlich rechnet sich das für die Eigentümer nicht annähernd. Denn um ihre Investition in das Kulturdenkmal wieder halbwegs hereinzubekommen, hätten sie mindestens den dreifachen Betrag nehmen müssen, sagen sie.

Auch das Umfeld des Torhauses hat sich in den letzten Monaten sehr zu seinem Vorteil verändert: das Kopfsteinpflaster der Einfahrt wurde vom Asphalt befreit, der Zaun zwischen den benachbarten Grundstücken ist verschwunden, hinter dem Haus wurde eine gepflasterte Terrasse mit Hochbeet aus Bruchsteinmauerwerk angelegt. So ist nun wieder der Gesamteindruck des Innenhofs einer historische Hofreite entstanden, in der bisher sechs Menschen zu Hause sind. Eine kleine Belohnung für das vorbildliche Engagement der Thelens hängt seit einiger Zeit in der Kirchstraße am Eingang des Hauses mit der Nummer 6: Die Plakette »Kulturdenkmal« des Landes Hessen.

»Wir beide haben uns in den letzten anderthalb Jahren viel gezankt« räumte Hausherrin Ute Thelen ein, als sie soeben die an der Neugestaltung beteiligten Handwerker zu einem kleinen Abschlussfest einlud, »aber jetzt sind wir froh, dass es so schön geworden ist.« Da mochte keiner der Gäste widersprechen.

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