02. Dezember 2016, 12:00 Uhr

Die Legende live erleben Über Leben und Loslassen

Reinhold Messner wurde zum berühmtesten Abenteurer unserer Zeit. Bei seinen Expeditionen hat er erlebt, wie Überleben funktioniert. Am 11. Februar 2017 wird er in der Gießener Kongresshalle davon erzählen. Wort- und bildgewaltig hält er Rückschau auf sieben Jahrzehnte. Ungeschminkt erzählt er von den Höhen und Tiefen seines Lebens, ringt um Begriffe wie Leidenschaft, Mut und Verantwortung. Im Interview spricht er auch über Ehrgeiz und das Altern.
02. Dezember 2016, 12:00 Uhr
Hier steht die BU. (Foto: dpa)
Herr Messner, warum sind Sie immer wieder an Ihre Grenzen gegangen?
Reinhold Messner: Ich glaube, das ist ein menschliches Grundbedürfnis. Es liegt in unserer Natur, dass wir versuchen, an unsere Grenzen zu gehen. Und die Grenzen ändern sich – leider auch zum Negativen. Zu Beginn unseres Lebens werden wir immer stärker, Schnellkraft, Geschicklichkeit nehmen zu. Und am Ende, dem ich mich langsam nähere, schrumpft das alles wieder. Das gehört zum Menschsein dazu. Ich finde, man sollte in der Zeit, die man hat, immer das Beste von sich verlangen und hohe Ansprüche stellen – das liegt jedenfalls in meiner Natur.
Nun kann aber nicht jeder Achttausender besteigen. Was kann ich persönlich im Alltag tun, um aus der Komfortzone herauszukommen?
Messner: Jeder findet seinen Bereich, seine Begeisterung. Die Kunst ist es ja, einen eigenen Weg zu gehen. Wo jemand seine größte Begeisterung hat, da wird er auch seine größten Fähigkeiten haben. Wir Menschen haben schon den Wunsch, das, was wir machen, so gut als möglich zu machen, das glaube ich zumindest. Es müssen jetzt nicht alle hohe Ansprüche an sich stellen, aber zumindest ein Teil. Das ist halt das, was man früher die Elite nannte. Und die Elite ist heute unter Druck geraten, weil man mit den sozialen Medien Tag für Tag seine Aggressionen oder Ängste loswerden will. Ob das am Ende für die gesamte Menschheit positiv oder negativ ist, werden wir sehen.
Sie sind in die Extreme gegangen und einer der wenigen Bergsteiger Ihrer Generation, die überlebt haben. War das nicht einfach nur Glück?
Messner: Sie haben recht. Es war auch Glück dabei. Auch ich bin ein Mensch, der Fehler macht. Und ich habe viele Fehler machen dürfen, weil ich in der richtigen Zeit geboren bin. Die Abenteurer vor mir konnten zwei, drei Abenteuer im Leben erleben, weil für mehr die Zeit oder die Mittel nicht reichten. Es gab die Möglichkeiten, wie wir sie etwa mit dem Fliegen haben, nicht. Ich konnte viele Sachen machen – und habe überlebt. Ich bin allerdings von Natur aus ein vorsichtiger, um nicht zu sagen ein ängstlicher Mensch. Ich habe mich bemüht, das alles in ganz kleinen Schritten zu lernen und zu zeigen. Das hat auch meinen Erfolg nach außen ausgemacht, weil ich immer etwas draufsetzen konnte. Dass das eine lange Anlaufstrecke brauchte, ist vielen Menschen nicht bewusst. Ich bin ja schon mit 15 Jahren extrem geklettert. Erst mit 25 Jahren habe ich Expeditionen gemacht.
Sie plädieren für mehr Eigenverantwortung. Wo ist die Grenze zwischen Eigenverantwortung und Egoismus, wenn man beispielsweise andere in Gefahr bringt, weil man seine eigenen Grenzen austesten will?
Messner: Das ist ein großes Diskussionsthema. Ich behaupte, dass wir Menschen sowohl Egoisten als auch Altruisten sind. Ich habe gerade zum Film »Still alive«, den ich als Regisseur gemacht habe, mit Leuten diskutiert. Es ist meine Sicht der Dinge, und nicht die allgemeine Wahrheit: Wir Menschen haben einen Selbsterhaltungstrieb. Das ist unser stärkster Trieb. Und es ist natürlich ein egoistischer Trieb. Wir haben aber auch in gleicher Weise eine Überlebensverantwortung für unseren Partner, weil wir zusammen leichter überleben als auf uns alleingestellt. Die Menschheit ist ja nicht nur ausgelegt auf das Überleben eines Einzelnen. Das würde nicht lange funktionieren. Als Bergsteiger werde ich alles tun, damit mein Partner am Leben bleibt, weil wir gemeinsam viel mehr Chancen haben als allein. Das steckt als Naturgesetz in uns drin. In meinem Vortrag erzähle ich von der Menschennatur und der Natur draußen. Bei diesen Abenteuern treffen sich die Menschennatur in uns und die wilde, große, archaische Natur da draußen. Ob ich nun durch die Antarktis laufe, auf den Everest steige oder in den Dolomiten klettere, ist nicht so wichtig. Aber es braucht diese radikale Auseinandersetzung mit der Menschennatur in der Natur, um diese Erfahrungen zu machen.
Und wie empfinden Sie das Altern? Es muss doch für einen Menschen, der so aktiv körperlich unterwegs ist, besonders schwierig sein, wenn ihm der Körper Grenzen setzt.
Messner: Ich hatte genügend Gelegenheit, im Leben zurückstecken zu lernen, weil es einfach eben nicht mehr ging. Ich kann nicht mehr so gut klettern, wie ich es mit 20 Jahren konnte – aber das schon seit bald 50 Jahren. Aber ich konnte dann eben etwas anderes. In der letzten Phase habe ich ja ein Museum auf die Beine gestellt. Das hat mit Grenzgang im ursprünglichen Sinne nichts zu tun, eher mit Wirtschaft, Kreativität und anderen Dingen. Und ich musste viel lernen. Nun trage ich Verantwortung für meine Mitarbeiter im Museum, und aktuell fange ich an Filme zu machen. Seit ich 25 bin, habe ich mein Leben lang Bücher geschrieben. Ich habe immer schon diese zweite Form des Mich-ausdrückens gehabt: Ich drücke mich aus, indem ich eine Route an einem Sechstausender klettere; ich drücke mich aber auch aus, indem ich diese Geschichte möglichst eins zu eins nacherzähle. Dann bin ich ein Schriftsteller und kein Kletterer mehr.
Ist das Filmen Ihre neue Karriere?
Messner: Ich sage, es ist ein neues Leben. Das Thema ist zwar das alte, ich erzähle Geschichten über die Antarktis oder Berge, was auch immer. Mein erster Film »Still alive« hatte schon Premiere. Es hat funktioniert und ich habe gemerkt, dass diese Erzählweise von den Zuschauern emotional nachempfunden werden kann. Jetzt werde ich mich verbessern, werde weiterlernen und den nächsten Film machen. Wie lange das dann noch reicht mit meiner Verstandesschärfe, das weiß niemand. Ende Oktober bin ich schon unterwegs im Himalaya für meinen zweiten Film.
Im Buch »ÜberLeben«, auf dem der Vortrag basiert, erzählen Sie in 70 Kapiteln von Ihrem Leben und Überleben. Wie viel davon können Sie in einem 90-minütigen Vortrag unterbringen?
Messner: Ich versuche, die wichtigsten Themen zu transportieren, maximal ein Drittel des Buches. Wenn ich das ganze Buch mit Bildern und Geschichten erzählen würde, bräuchte ich zwölf Stunden. Der Vortrag ist ein Extrakt des Buches, mit einer eigenen Dramaturgie. Er lebt von der Authentizität, ich trage frei vor. (Foto: pm) Reinhold Messner live erleben kann man am 11. Februar in der Kongresshalle. Sein Vortrag »ÜberLeben« beginnt um 20 Uhr. Karten zwischen 50 und 30 Euro gibt es im Vorverkauf unter anderem in der Tourist-Information am Berliner Platz oder über die Seite www.messner-live.de.

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