01. Februar 2018, 20:42 Uhr

Die Hölle an der Wolga

Vor 75 Jahren stoppt die Rote Armee Hitlers Raubzug durch Europa endgültig – in einer Stadt an der Wolga, die den Namen seines größten Feindes trägt: Stalingrad. Nach gut zweimonatiger Kesselschlacht kapituliert die 6. Armee am 2. Februar 1943. Helmut Mauer, Lokalhistoriker aus Steinbach, hat die Schicksale von zwei Soldaten aus dem Raum Gießen recherchiert.
01. Februar 2018, 20:42 Uhr
H.-E. Richter

Nein, Willy ist nicht gerne Soldat. Dass der kleine Familienbetrieb im Thüringischen Mühlhausen so ganz ohne ihn zurechtkommen soll, bedrückt ihn doch sehr, als er zum Gießener Infanterie-Regiment 116 in die Verdun-Kaserne (heute Kreisverwaltung) einrückt. Trotzdem gibt es auch fröhliche Stunden. Die gelegentlichen Ausflüge in die umliegenden Dörfer zur Kirmes, Fasching oder sogar zur Spinnstube – falls man schon eine Liebste hat. Wilhelm Posleb jedenfalls hat eine, es ist die 19-jährige Erna Mauer aus der Watzenbörner Bahnhofstraße. Und auch sie hat es später immer wieder betont, wenn die Erinnerung auf ihren Verlobten kam: Nein, Soldat sein wollte Willy nicht. Dennoch, und wie das Schicksal so spielt, zieht auch Wilhelm Posleb 1939 in den Krieg.

Im Nachbardorf Hausen nimmt der kaum jüngere Heinrich Vonderheid Abschied von seiner Frau und dem gerade geborenen Sohn. Heinrich hat sich beim Aufbau der neuen Wehrmacht verpflichtet, Soldat zu werden, wie so viele seiner Generation. Auch er ist zunächst bei den 116ern in Gießen.

Der Krieg entwickelt seine grausame Eigendynamik. Mit dem Angriff auf die Sowjetunion im Juni 1941 steht die halbe Welt in Flammen. Es gibt kein Zurück mehr, als die Wehrmacht nach der Winterkatastrophe 1941/42 im Frühjahr trotz völlig überdehnter Fronten erneut offensiv wird. Ende August 1942 haben die im Rahmen der deutschen Wolga-Kaukasus-Offensive vorgehenden Armeen den oberen Don und die Wolga erreicht und schicken sich an, Stalingrad zu erobern. Es wird der Marsch in den Untergang.

Stadt wird zum Inferno

Stalingrad zählt zu denjenigen Großstädten, die sich durch die Sowjetisierung schnell zu gewaltigen Industriezentren und Schwerpunkten der Kriegswirtschaft entwickelt haben. Dieses Wachsen verdankt die Stadt in erster Linie seiner günstigen Lage am Wolgaknie. Hier ist der Ausgangspunkt der Eisenbahnlinien in den Moskauer Raum, dem Donezgebiet und dem Kaukasus. Stalingrad war eines der größten und wichtigsten Rüstungszentren der Sowjetunion.

Die 24. deutsche Panzerdivision hat den Auftrag, auf Stalingrad-Süd vorzurücken, dabei ist der überzeugte Zivilist Willy Posleb. Am 3. September 1942 beginnt der direkte Angriff auf Stalingrad. Über der Stadt und über dem trägen breiten Band der Wolga sind bereits seit zwei Wochen die Sturzkampfbomber, Schlacht- und Jagdflieger der deutschen Luftwaffe im Einsatz, Tag und Nacht. Die belagerte Stadt verwandelt sich zusehends in ein Inferno aus Rauch, Staub, Trümmern. Der Widerstand der Roten Armee wird immer zäher. Artilleriefeuer, insbesondere der Salvengeschütze, Stalinorgeln genannt, verursacht schwere Verluste unter den deutschen Panzergrenadieren.

Bei der schweren Infanterie-Geschütz-Kompanie des Panzergrenadier-Regimentes 21 ist am Morgen des 7. September 1942 die Verbindung nach vorne, zur Beobachtungsstelle, unterbrochen. Wieder einmal ist das Feldkabel zerschossen, und so muss einer der Nachrichtensoldaten raus auf Störungssuche. Diesmal ist es der Obergefreite Wilhelm Posleb, der mit Werkzeugtasche und Feldfernsprecher loszieht. Aus der Beobachtungsstelle kommt ihm ein Kamerad mit gleichem Auftrag entgegen, und dieser findet Posleb am Kabel, durch messerscharfe, glühend heiße Granatsplitter tödlich getroffen.

Die Todesnachricht per Feldpost erreicht noch im September die Angehörigen und die junge Verlobte in Watzenborn. Für sie ist kein Trost, dass der Chef der Einheit mitteilt, die Beisetzung hätte noch am gleichen Tage auf dem »Heldenfriedhof« der Division stattgefunden, mit allen militärischen Ehren. Der Friedhof der 24. Panzer-Division liegt in der Nähe der Bahnstation Woroponowo, 20 Kilometer westlich der Stadt. Militärpfarrer Pietsch schreibt mit dem damals üblichen Pathos: »Vor der Beerdigung sammelten sich die Teilnehmer, als ansehnliches Ehrenkommando, am Rande des Friedhofes, während von den eingeteilten Männern die toten Helden in die Gräber gelegt wurden. Während von Ferne der Geschützdonner ertönte, blies ich auf seinem Flügelhorn den Choral: »Jesus meine Zuversicht«. Dann trat ich zu den Gräbern und übergab die toten Helden der fremden Erde. Ein Einheitsführer sprach noch einige Dankes- und Abschiedsworte. Die Feier aber klang erhaben aus mit dem Lied vom guten Kameraden, während alle ehrfurchtsvoll grüßten und das Ehrenkommando die dreifache Ehrensalve schoss. Danach trat der eine oder andere Kamerad noch Abschied nehmend, still zum Grabe…«

Noch war es also möglich, die Gefallenen militärisch beizuseten. Auch die Kundgebungen in der Heimat vollziehen sich im Geist der Zeit. So erscheint am 7. Oktober 1942 im Mühlhäuser Anzeiger die Traueranzeige für Willy Posleb, der »in treuer Pflichterfüllung vor den Toren Stalingrads im Alter von 29 Jahren den Heldentod fand«. Von seinen 29 Lebensjahren war Wilhelm Posleb fünf Jahre lang Soldat gewesen. Er war es nicht gerne, und zum Helden wurde er erst, nachdem er nicht mehr am Leben war.

Da ist der Kampf um das Stadtzentrum schon längst in vollem Gange. Was sich dort abspielt, gehört zu dem Schrecklichsten, was Soldaten jemals erlebten. Mitte Oktober ist das Wolgaufer auch im nördlichen Stadtgebiet in deutscher Hand. Die Russen behaupteten nur noch ein Zehntel der Stadt.

Am 14. Oktober 1942 nimmt das Grenadier-Regiment 578 am massiven Angriff auf die Industriebezirke im Norden von Stalingrad teil. In den riesigen Fabrikhallen des Traktorenwerkes, eine der größten Panzerfabriken der Sowjetunion, kämpft der 28-jährige Feldwebel und Zugführer Heinrich Vonderheid. Die Kämpfe werden mit erbarmungsloser Härte ausgetragen. Ein Kamerad des Hauseners schreibt: »Ja, Du kannst Dir die Endphase dieses Ringens bestimmt nicht vorstellen. Nein, das kann niemand! Die vielen, vielen Verluste. Drei Wochen ununterbrochen im Häuserkampf. Schlafen, das darf man auf keinen Fall. Der Russe liegt ungefähr 30 Meter entfernt. Waschen, Rasieren, alles fällt flach. Das Essen kann man nur runterschlingen in diesem Dreck und Elend hier, verlaust, zerlumpt. Heute legten die Russen wieder ein Trommelfeuer 40 Minuten lang auf unsere Stellungen. Was wird nur noch werden hier? Ich bin nicht in der Lage, noch weiteres zu berichten, lebt wohl.«

Dennoch wird bis zum 10. November das riesige Areal der Geschützfabrik erobert. Da ist Feldwebel Vonderheid aber nicht mehr im Einsatz, denn er wird in den Tagen zuvor schwer verwundet. Er hat noch einen Militärpfarrer gebeten, seiner Frau Lina eine Nachricht zu schreiben, was auch geschieht, aber die spärlichen Zeilen der Feldpostkarte lassen wenig Hoffnung auf Überleben zu. Er ist wohl an seiner Verwundung gestorben, irgendwo in einem Keller unter den zerbombten Fabrikhallen und Werkstätten – und die Bilder seiner Frau und seiner Kinder vor den Augen. Weihnachten 1941 hatte er das letzte Mal Heimaturlaub.

Der Rest ist Weltgeschichte. Mitte November starten die Russen eine Gegenoffensive, durchbrechen die Linien der Deutschen und ihrer Verbündeten und kesseln die 6. Armee mit mehr als 250 000 Soldaten ein. Ein Endsatzversuch und die Luftversorgung scheitern. Anfang Februar 1943 ist alles vorbei. 110 000 Mann geraten in Gefangenschaft, ebenso viele sind gefallen oder den Strapazen durch Hunger und Kälte erlegen. Nicht wenige suchen freiwillig den Tod, um der Gefangenschaft zu entgehen. Die Wehrmacht hat nicht nur eine Schlacht verloren, es hat auch endgültig den Nimbus der Unbesiegbarkeit eingebüßt.

Letzte Ruhe in Rossoschka

Auf russischer Seite ist es nicht anders, dazu die Toten unter der Zivilbevölkerung. Von den über 500 000 Einwohnern wird nach anfänglichem Zögern ein Teil evakuiert, doch von den 150 000 zurückgehaltenen Zivilisten sterben sehr viele. Die größten Opfer fordern der Hunger, die bald einsetzenden Straßenkämpfe und die Zwangsräumungen. Zahlreiche Einwohner müssen in Erdlöchern leben, viele erfrieren. Weder die Rote Armee noch die deutschen Eroberer nehmen Rücksicht auf die Zivilisten. Insgesamt kostet die Schlacht 700 000 Tote.

Was erinnert noch? Wilhelm Posleb wurde vor einigen Jahren vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge auf den deutschen Soldatenfriedhof Rossoschka bei Wolgograd, dem ehemaligen Stalingrad, umgebettet. Damit auch sein Schicksal nicht in Vergessenheit gerät, steht der Name Heinrich Vonderheid auf einem Granitwürfel dieses Friedhofes (Foto), auf dem die Gebeine von 60 091 Toten beigesetzt worden sind.

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