10. März 2017, 20:05 Uhr

»Die Gruppe tut mir gut und gibt mir Rückhalt«

10. März 2017, 20:05 Uhr

Crack und Schnaps, Kokain und Ecstasy: Marius Braun hat schon ziemlich viele Rauschmittel in großen Mengen konsumiert. Zum Schluss trank er 20 bis 30 Flaschen Bier pro Tag und rauchte dazu Joints. Seit dreieinhalb Jahren lebt der Mann aus Mittelhessen jetzt ohne Drogen – zum ersten Mal seit ungefähr 20 Jahren. Kein Rauschgift, kein Alkohol, auch keine Zigaretten; nicht einmal mehr Kaffee. »Ohne die Selbsthilfe hätte ich es nicht geschafft«, sagt Braun, der seinen wirklichen Namen nicht in der Zeitung lesen und anonym bleiben will. Sogar sein Master-Studium hat er inzwischen abgeschlossen.

Suchttherapeut ist nun eine seiner beruflichen Möglichkeiten. Über 800 Selbsthilfegruppen allein für Suchtkranke gibt es in Hessen, sagt der Geschäftsführer der Landesstelle für Suchtfragen (HLS), Wolfgang Schmidt-Rosengarten. »Man kann jeden Tag in eine Gruppe gehen und hat die Wahl zwischen etlichen Angeboten – kostenlos.«

»Wichtig ist es, dass einem die Leute gut- tun und man da gerne hingeht«, sagt Marius Braun. »In den ersten eineinhalb Jahren war ich nur mit Leuten aus der Selbsthilfe zusammen«, beschreibt er den Beginn seines Lebens ohne Drogen. »Menschen, die mit der Sucht aufhören wollen, sind ja in der Regel gezwungen, ihr ganzes soziales Umfeld auszutauschen.« Das alte Umfeld sei in der Regel zu eng mit dem Rauschgift verbunden. »In der Selbsthilfe findet man neue Leute.« Viele Suchtkranke erlebten in diesen Gruppen zum ersten Mal Gesellschaft, sozialen Zusammenhalt, sogar Liebe. »Es ist wichtig, mit Menschen zusammen zu sein, die aus eigener Erfahrung kennen, was man sagt.« Dazu gehöre auch das Verständnis für die Selbstvorwürfe und das eigene Hadern mit dem, »was ich mit meiner Sucht alles kaputtgemacht habe«.

Sucht in den Griff bekommen

Jahrzehntelang hat Braun mit seiner Sucht und sich selbst gekämpft und dann »an einem Tag mit allem aufgehört«. »Ich konnte nicht mehr«, beschreibt er den Auslöser. Er habe keine Luft mehr bekommen, unter heftigen Herzrhythmusstörungen gelitten und »nichts mehr drinbehalten«. Das erste Bier morgens habe er immer erbrochen, »erst beim vierten konnte ich wieder durchstarten«. Dazukam: »Ich wollte unbedingt ein Praktikum machen. Die Zusage hatte ich, aber so ging es einfach nicht.« Nach dem Entzug zu Hause folgte eine 13-wöchige stationäre Alkohol- und Drogenentwöhnungstherapie.

Die Selbsthilfegruppen waren für Braun aber der Schlüssel »für die Ausbildung meiner Persönlichkeit«, wie er sagt. »Ich konnte früher gar nicht über meine Gefühle sprechen. Das hätte ich ohne diese Gruppenarbeit nicht gelernt.«

Die Anfänge von Selbsthilfegruppen in Deutschland gehen rund 150 Jahre zurück und haben mit Abstinenzvereinigungen begonnen. Die Medizin dagegen hat erst in den 1980er Jahren mit Selbsthilfegruppen – etwa für Rheuma- und Diabeteskranke – erkannt, dass es einen Heilungs- und Stabilisierungseffekt hat, wenn sich Menschen mit den gleichen Problemen zusammentun. Die Erkenntnis, dass an jedem Betroffenen eine ganze Familie hängt, habe zu Gruppen für Angehörige – Erwachsene und Kinder – geführt, sagt Schmidt-Rosengarten. Inzwischen spielten auch Online- und Spielsucht eine wachsende Rolle.

Finanziell wird die Selbsthilfe vom Land, der Rentenversicherung und den Krankenkassen unterstützt. »Ziel ist es, die Menschen in eigenverantwortlichem Handeln zu unterstützen und in ihrer Lebenskompetenz zu stärken«, sagt die Leiterin der Techniker Krankenkasse Hessen, Barbara Voß. Die Selbsthilfe sei zu einer unverzichtbaren Säule des Gesundheitswesens geworden. Auch Marius Braun geht noch immer in eine Selbsthilfegruppe, zwei- bis dreimal pro Woche. »Die Selbsthilfe tut mir gut und gibt mir Rückhalt.« (dpa)

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