03. April 2019, 22:01 Uhr

Die Feuerwehr der Feuerwehr

Wenn es brennt, rufen Bürger nach der Feuerwehr. Die kommt und hilft. Wenn Feuerwehren Hilfe brauchen, klingelt oft bei der Gießener FeuerwehrAgentur das Telefon. Der Hidden- Champion aus Kleinlinden hat nun eine Vergabe des Landes Hessen gewonnen und wird bis 2021 mehr als 5000 Feuerwehrleute schulen.
03. April 2019, 22:01 Uhr
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Aus der Redaktion
Viel Grün ist gut: Jonas Kreß (links) und Martin Lutz werten Feuerwehren aus und helfen den Einsatzabteilungen bei Führungs- und Kommunikationsproblemen. (Foto: bf)

Was tun, wenn’s brennt? Diese Frage stellen sich Feuerwehren nicht nur, wenn irgendwo ein Feuer lodert. Ebenso wichtig wie der richtige Umgang an der Gefahrenstelle ist die Frage nach der Zukunftsfähigkeit der Feuerwehren geworden. Die kommt oft zur Sprache, wenn bei der FeuerwehrAgentur in Kleinlinden ein Hilferuf einer Feuerwehr eingeht. Am anderen Ende sind dann meist Leiter von Feuerwehren, Bürgermeister oder Landräte, die der innere Zustand, die Zukunftsfähigkeit, die Kommunikation und der interne Umgang ihrer Feuerwehr belastet. Die FeuerwehrAgentur beschäftigt sich mit Zusammenhängen und Abläufen in Feuerwehren, deren Organisation, Kommunikation, deren Führungsverhalten, Kritik- und Konfliktverhalten. Das ist der Job von Martin Lutz und seinem Team.

Der Sozialwissenschaftler hatte vor mehr als zehn Jahren die Idee, Feuerwehren Expertise aus den Bereichen Soziologie, Psychologie, Medizin, Erziehungswissenschaften und weiteren Bereichen passgenau zur Verfügung zu stellen. Damit hat er eine Nische und einen rasant steigenden Bedarf getroffen. Mittlerweile hat das zehnköpfige Team mehr als 300 Projekte in mehreren Ländern durchgeführt. Die Kunden sind überwiegend Kommunen als Träger der Feuerwehren, aber auch Aufsichtsdienste, Feuerwehrverbände und Ministerien. Und manchmal kommt ein ganzes Bundesland, so wie im Herbst 2018.

Damals hat die FeuerwehrAgentur einen Vergabewettbewerb des Landes Hessen gewonnen, drei Jahre lang insgesamt mehr als 5000 ehrenamtliche und hauptamtliche Feuerwehrkräfte in allen hessischen Landkreisen und kreisfreien Städten zu trainieren. Nicht nur die Durchführung, sondern auch die Konzeption der Bildungsangebote mit Titeln wie »Persönlichkeit und Führungsverhalten«, »Stress und Führungsverhalten« oder »Führungsnachwuchskompetenz« hat das Land Lutz und seinem Team übertragen. »Es ist ein großer Schritt, mit dem Hessen vorangeht und allen Führungsebenen führungsmethodisches Fachwissen zur Verfügung stellt«, sagt Lutz. Es sei nun mal besser, Führungskräfte zu qualifizieren, als hinterher Scherben wegzuräumen.

Bei der FeuerwehrAgentur unterscheidet Lutz zwischen präventiven und akuten Projekten. »Bei den präventiven erkennen die Auftraggeber zukünftige Probleme vor deren Eintritt«, sagt Lutz. Er meint u. a. das Thema Mitgliedermangel im Ehrenamt oder Bewerbermangel im Hauptamt. Diese Probleme zeichneten sich üblicherweise mehr als zehn Jahre im Vorfeld ab. Gleiches gelte für Führungskräftenachwuchs oder die Zufriedenheit der Mitarbeiter. »Problematisch wird es, wenn man sie lange ignoriert hat, was übrigens der häufigste Fall ist«, sagt Lutz.

Doch die Kleinlindener sind auch im Notfalleinsatz. »Es gibt nicht wenige Feuerwehren, die Hilfe brauchen«, sagt Lutz. Jahrelang ungelöste Konflikte und entscheidungsschwache Führungskräfte seien oft der Grund. Es habe sich noch nicht bei allen herumgesprochen, dass Führen und Leiten eine eigene Disziplin sei.

In der Branche wird Lutz der »Feuerwehrflüsterer« genannt. Das mag er nicht, denn seine Maßnahmen beruhen auf validem methodischem Wissen aus verschiedenen Geisteswissenschaften. An seiner Seite arbeitet Sozialwissenschaftler Jonas Kreß. Er ist der »Herr der Zahlen«: Er erhebt und interpretiert die Ergebnisse der sozialwissenschaftlichen Analyseverfahren, darunter die Analyse FireBalance, die die Situation von Feuerwehrführungskräften im Spannungsfeld zwischen Familie, Beruf und Feuerwehr darstellt. Oder auch die Ergebnisse des Lumdataltest, mit dem bislang mehr als 20 000 Feuerwehrleute hinsichtlich Motivation untersucht wurden – eine der national umfangreichsten Befragungen von Feuerwehrleuten. Kreß erkennt so schnell, wie es einer Feuerwehr geht.

Wie er den Zuschnitt auf die Kunden hinbekommt, will Lutz nicht verraten. Nur so viel: Es habe mit Liebe zu tun. Feuerwehren ließen sich im Verhalten mit kaum einem anderen Bereich vergleichen: »Wenn wir das Kommunikations- und Konfliktverhalten ansehen, gleichen Streit und Zusammenhalt in Feuerwehren am ehesten dem Bereich Familie/Partnerschaft. Wenn man das einbezieht, versteht man, woher die häufig konstruktive, manchmal auch destruktive Leidenschaft von Feuerwehrleuten kommt. Die meisten haben sich nicht eine Freizeitbeschäftigung gesucht, sie haben sich in eine verliebt«, sagt Lutz.



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