05. Februar 2017, 19:57 Uhr

Die Fettlöserin

Nicole Jäger hat abgespeckt - von 340 auf 170 Kilogramm. Ihre Erfahrungen hat sie in ihrem Buch »Die Fettlöserin« beschrieben und ist am 16. Februar in der Kongresshalle mit ihrem Bühnenprogramm »Ich darf das, ich bin selber dick« zu Gast. Im Interview erzählt sie, wie sie der Adipositas mit Humor beikommt.
05. Februar 2017, 19:57 Uhr

Frau Jäger, Sie haben ihr Gewicht halbiert, darüber ein unterhaltsames Buch geschrieben und touren nun mit einem eigenen Kabarettprogramm. Aber so dick zu sein und so viel abzunehmen war doch sicher nicht unterhaltsam. Wie kriegen Sie da die Kurve ins Humorige?

Nicole Jäger: Klar war das nicht nur witzig. Darüber schreibe ich ja auch. Ich glaube aber an das Konzept: Tragik ist Komik in Spiegelschrift. Jede Situation, und sei sie noch so deprimierend, hat auch komische Momente. Humor ist eine gute und herzöffnende Art, die Wahrheit zu sagen. Man kann Dinge ansprechen, die wehtun. Das Leben ist zu kurz, um alles nur schlecht zu sehen. Humor hat etwas Heilsames und man erreicht damit die Menschen, wenn auch weder mein Buch noch das Bühnenprogramm ausschließlich witzig sind.

Ist Humor auch ein Schutzpanzer gegen Hänseleien?

Jäger: Ich werde oft gefragt, ob ich Humor als Schutzschild benutze. Die Antwort ist ganz klar: Nein. Man kann das zwar tun, aber dann ist der Humor nicht echt. Wenn man den lustigen Dicken gibt und dann heulend auf dem Badewannenrand sitzt, dann ist der Humor nicht echt. Für mich ist er eher ein rhetorisches Mittel. Und in dem Moment, wenn etwas nicht mehr witzig ist, sage ich das auch. Aber ich nutze Humor nicht, um mich dahinter zu verstecken. Im Gegenteil: Ich gehe sehr offen mit der Thematik Dicksein um. Man hat mir oft genug Dinge an den Kopf geworfen, die Wunden gerissen haben. Aber Humor ist meine Art zu zeigen: Ich habe Fehler gemacht, die sieht man, aber lebt damit.

Manche Dicke behaupten, sich selbst so gut zu finden. Ist das Zweckoptimismus, oder echt? Kann man sich selbst so lieben, wenn man so weit jenseits der Norm ist?

Jäger: Was ist denn die Norm? Zeigen Sie mir einen »normalen« Menschen. Ich glaube nicht, dass es den gibt – und das wäre aus langweilig. Wir sprechen immer von Übergewicht, von Normalgewicht, von einer »normalen« Kleidergröße. Das verstehe ich tatsächlich nicht. Sie können glücklich sein mit 50 Kilo, mit 250 Kilo und mit allem dazwischen: Sie können aber auch mit allem unglücklich sein. Und erst in dem Moment ist das ein Problem. Aber jeder Mensch ist doch mehr als eine bloße Zahl auf der Waage.

Ihr Kabarettprogramm heißt »Ich darf, das, ich bin selber dick«. Was machen Sie da? Und warum dürfen Sie das?

Jäger: Das ist relativ einfach: Ich bin groß, blond und habe Übergewicht. Mein Programm ist aber nicht bloß eine Umsetzung meines Buches. Und es ist kein Diätvortrag. Ich erzähle über den ganzen Wahnsinn, dem wir uns tagtäglich aussetzen. Ich rede über das, was wir uns als Frauen antun. Manche überlegen sich sogar beim Sex, wie sie aussehen. Aber ich stelle auch solche Fragen, wie die, warum manche Diätshakes nach Ochsenschwanzsuppe schmecken. Und wenn mir wieder einmal einen Frauenzeitschrift einreden will, dass frau in acht Wochen ihre Bikinifigur hat – das will ich sehen. Ich will zeigen, was wir uns gegenseitig antun als Gesellschaft, weil wir versuchen perfekt zu sein.

Das Programm ist also für alle gedacht: für Frauen und Männer, Dicke und Dünne?

Jäger: Genau. Es ist gedacht für alle, die einen Körper haben. Ich glaube, es spricht aber vorwiegend Frauen an wegen der Themen Körper, Gewicht, Ernährung. Wenn ich aber mein Publikum anschaue, hat mindestens die Hälfte davon kein einziges Gramm Übergewicht. Und es sind auch einige Männer dabei. Mein Programm ist humorvoll, auch mal bösartig und manchmal auch ein bisschen traurig – und genau so soll es auch sein.

Sie reduzieren sich als nicht nur auf das Thema Dicksein?

Jäger: Absolut. Es geht nicht nur um mich oder darum, dick zu sein. Es geht um das Erreichen von Zielen und auch ums Scheitern.

Sie arbeiten auch als Ernährungscoach.

Jäger: Das habe ich gemacht. Aber ich habe leider nur zwei Arme und jetzt kommt auch bald mein neues Buch raus. Zusätzlich bin ich auf Tour. Ich habe zwar Stammklienten, aber ich nehme keine neuen mehr auf.

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