20. September 2019, 21:56 Uhr

Die City als »Erlebnisbühne«

20. September 2019, 21:56 Uhr
R. Monheim

Auch richtiges Gehen will gelernt sein. Wenn’s geht, sogar passend zum jeweils herrschenden Zeitgeist. Um Innenstädte fit für die Zukunft zu machen, müsse man sie vor allem attraktiv gestalten, erklärte Prof. Rolf Monheim am Mittwochabend bei einem Vortrag im Hermann-Levi-Saal des Rathauses. Und zwar gerade für Fußgänger. Schließlich sei das Gehen in der City heute längst nicht mehr rein funktionalistisch zu betrachten, als »Aufwand, der zu minimieren ist«. Das »postmoderne Urbanitätsverständnis« entdecke das Flanieren neu - einen »Teil des Stadterlebens« mit allerlei Überraschungen. Nun plädierte der Geograf auf Einladung der Lokalen Agenda 21-Gruppe »Nachhaltige Mobilität« nicht für den kollektiven Umstieg vom Auto auf die Füße. Wohl aber dafür, moderne Städte weniger anhand ihrer Erreichbarkeit mit dem Pkw und vorhandener Parkmöglichkeiten zu denken.

Seine eigene Perspektive dokumentierte Monheim bereits im Vortragstitel. So beschrieb er »Zukunftsperspektiven von Innenstädten im Spannungsfeld von Erreichbarkeit und Stadtqualität« explizit »aus der Sicht der Innenstadtbesucher«. Getreu dem Motto: »Der Wurm muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler«. Wobei hier die Händler fleißig angeln, während sich die Kunden fühlen sollen wie Fische im Wasser. Einige kontroverse Thesen untermauerte der Experte mit einer Fülle empirischer Daten. Die Kernidee nannte er vorweg: »Wir sprechen nicht über Verkehr. Wir sprechen über Gesellschaft.«

Anders als zu Wirtschaftswunder-Zeiten, in denen Innenstädte primär der Versorgung gedient hätten und meist per Auto erfahren worden seien, brauche die »postmoderne Erlebnisgesellschaft« sie vorrangig, »um ihren Lebensstil zu inszenieren«. Entspannung und Überraschung träten an die Stelle von Besorgung und Planung. Einkaufen heißt jetzt Shopping - und wird nach Monheim immer mehr zur »Kernkompetenz« urbaner »Erlebnisbühnen« samt fremder Bummler in der Rolle unverzichtbarer »Mitspieler«.

Bei alldem wolle niemand Autos per se verteufeln, betonte der Geograf. Im Gegenteil: Kluge Konzepte ermöglichten stets ein Nebeneinander aller Verkehrsarten. Dass viele Autofahrer mit der städtischen Infrastruktur zufrieden seien, zeigten Studien. Für Gießen zitierte Monheim ein Gutachten, das die Gesellschaft für Markt- und Absatzforschung (GMA) 2010 angefertigt hat. Nach Defiziten des Selterswegs befragt, nannten Kunden damals ziemlich oft fehlenden Service und suboptimale Atmosphäre, aber eher selten schlechte Erreichbarkeit oder zu wenige Parkplätze.

Unter den beispielhaften Städten zwischen Regensburg, Leipzig und Lübeck hob Monheim mehrfach Nürnberg hervor. Seit den Siebzigern habe die Lokalpolitik das Zentrum der Frankenmetropole sukzessive autofrei gestaltet, rundherum jedoch ein umfangreiches Parkangebot beibehalten. Der Clou: Zwischen einzelnen City-»Verkehrszellen« sei kein Wechsel mit dem Pkw möglich - der Autoverkehr werde direkt »schadensminimierend« auf die nächste Parkfläche geleitet.

Große Einkaufscenter zögen übrigens sogar Kundschaft für kleinere Läden an, statt sie massenhaft abzuwerben, erläuterte Monheim.

Das spiegelten nicht zuletzt die Daten der GMA-Studie, wenngleich die Galerie Neustädter Tor vor zehn Jahren noch in einem besseren Zustand gewesen sei als heute - und der Seltersweg weniger attraktiv. Ein wirksames Mittel, schwächelnde Innenstädte wieder aufzuwerten, sind laut dem Wissenschaftler Cafés und Außengastronomien sowie schmucke Plätze.

Wollten die Einzelhändler weiter erfolgreich angeln, müssten sie zuerst das soziale Bild von der Stadt reflektieren, forderte der Experte. Bestenfalls kreierten alle Interessengruppen gemeinsam ein »emotional verankertes, standortspezifisches Profil«. Der »Funktionsstandort« von gestern entwickele sich dann zum »Identifikationsort« für morgen. Und zu dem gehörten natürlich mobile Menschen in allen denkbaren Gefährten. Aber mehr noch Emotionen und der Wille, erlebend zu verweilen. Oder eben der, sich stundenlang auf den eigenen Füßen durch die Stadt zu bewegen.

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