Stadt Gießen

Die Band-Kümmerer

Berlin? Hamburg? Gießen! Nach Jahren in deutschen Großstädten haben die Konzertveranstalter Sarah Krecker und Christian Piterek mit ihrem Unternehmen »Bands of Friends« die Universitätsstadt zu ihrer Heimatbasis auserkoren. Sie wollen viel versprechende Musiker verbinden und ihnen Perspektiven bieten – dafür sei Gießen genau der richtige Ort.
13. Dezember 2017, 20:20 Uhr
Jonas Wissner
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Haben Gießen schätzen gelernt: Sarah Krecker und Christian Piterek. (Foto: jwr)

Am Anfang stand ein Problem: »Wir waren Freunde, die in Berlin zusammen Musik gemacht haben, ohne Agenten, ohne Kontakte« – und ohne Bühnenerfahrung. Gitarrist Christian Piterek und seine Freundin Sarah Krecker, beide leidenschaftliche Musik-Liebhaber, nahmen die Sache selbst in die Hand: 2013 organisierten sie mit vier Freunden ein kleines Festival mit Bands ohne Plattenvertrag und Agentur. Sie begannen, weitere Künstler und passende Orte zu suchen. Das Paar machte aus der Not eine Tugend, aus der Idee ein Geschäftsmodell. Seit 2014 sind sie als Konzertveranstalter und Booking-Agentur namens Bands of Friends aktiv. Ihr Fokus liegt auf Folk- und Garage-Rock-Bands.

Dass sie nach Gießen kamen, hat der Zufall eingefädelt. Als Piterek, studierter Geograf, 2015 für ein Vorstellungsgespräch hierher reiste, lag die Stadt noch als unbeschriebenes Blatt vor ihm – vorerst: »Ich habe schnell gemerkt: Das ist eine vergleichsweise kleine Stadt, aber hier gibt es geile Konzerte.« Der Eindruck verfestigte sich, auch bei seiner Lebens- und Geschäftspartnerin, die ihn bald besuchte. »Gießen kommt mir sehr offen vor, fast auf jedem Konzert trifft man interessante neue Leute. Für eine kleine Stadt ist die kreative Szene groß, und die Leute haben den Willen zur Zusammenarbeit«, sagt Krecker begeistert.

Die vielen jungen, aufgeschlossenen Musiker sind für das Duo nicht der einzige Standortvorteil, wie Krecker erklärt: »Von der Lage her ist Gießen super für Tourplanungen.« Auch sei es einfacher als in Metropolen, günstige Auftrittsorte für Bands zu finden, deren Namen (noch) nicht in aller Munde sind: »Hamburg, Berlin – da wollen alle spielen, das sind Prestige-Städte.« Oft fänden dort viele Konzerte parallel statt, da falle es schwer, Gehör zu finden. Krecker: »In Großstädten müssen die Veranstalter oft Raummiete zahlen. Das Risiko wird an den Veranstalter weitergegeben – und der gibt es oftmals an die Künstler weiter.« Ein Konzert in Berlin zu organisieren, sei oft teuer und kompliziert.

Nicht so in Gießen, hier gebe es einige Orte, an denen sich ohne viel Aufwand und Vorlauf Konzerte auf die Beine stellen lassen. Ein Standortnachteil fällt den beiden 32-Jährigen dann doch ein: In Gießen sei es schwierig, öffentlich zu plakatieren, da sind sie aus den Metropolen anderes gewöhnt.

Der Name Bands of Friends ist für Krecker und Piterek Programm. Sie wollen den Musikern auf Augenhöhe begegnen, streben langfristige Zusammenarbeit an. »Wir finden die Künstler toll und wollen sie hören, aber es geht auch um Freundschaft«, formuliert Krecker. Wann immer der Terminplan es zulässt, begleiten sie die deutschen wie internationalen Bands auf Tour. Ein gewisses Risiko gehört dazu, das hat Piterek gelernt: »Man geht auch mal finanziell leer aus. Wenn man Künstler unterstützen will, kann das passieren.« Mit frischen Formaten will Bands of Friends Musikhungrige und ambitionierte Newcomer zusammenbringen, etwa im Rahmen der »Rooftop-Reihe«: Bei freiem Eintritt lädt das Duo zu ruhiger Live-Musik auf der eigenen Dachterrasse im »Dönerdreieck« mit Blick über Gießen ein.

»Ein Großstadtkind zu sein, das kann ich nicht ablegen«, sagt Krecker und lächelt. Irgendwie sei der Vergleich zwischen Gießen und Berlin ja auch unfair. Und trotzdem: Wenn es um die Lebendigkeit der jungen Musikszene geht, braucht das bodenständige Gießen sich nicht zu verstecken. Nicht einmal vor Berlin.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/stadtgiessen/Stadt-Giessen-Die-Band-Kuemmerer;art71,362041

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