16. September 2012, 21:23 Uhr

»Diabetiker finanziell nicht noch höher belasten«

Gießen (if). Bei Sparmaßnahmen im Gesundheitswesen dürften die »Daumenschrauben« nicht weiter bei den Diabetikern angezogen werden. Dies erklärte bei der Eröffnung des 1. Mittelhessischen und zugleich 13. Gießener Diabetestages Prof. Hermann von Lilienfeld-Toal.
16. September 2012, 21:23 Uhr
Auch Gießens OB Dietlind Grabe-Bolz ließ sich vom früheren Weltklasseleichtathleten Dr. Harald Schmidt in Schwung bringen. (Fotos: cal)

Schon seit anderthalb Jahren, so der Stellvertretende Bundesvorsitzende des Deutschen Diabetikerbundes (DDB) am Samstag in der Kongresshalle, würden bestimmte Tabletten – beispielsweise für Diabetiker nach Schlaganfällen – nicht mehr erstattet. Nur in ganz besonderen Fällen übernähmen Kassen die Kosten für neue Medikamente. Dies gelte auch für Nadeln sowie die kontinuierliche Blutzuckerbestimmung. Von Lilienfeld: »Während im Ausland neun von zehn der insulinpflichtigen Diabetiker mit modernen Insulinen versorgt werden, ist dies in Deutschland nur bei kaum mehr als der Hälfte der Betroffenen der Fall.«

Der DDB, mit rund 20 000 Mitgliedern – davon 3000 in Hessen – älteste und größte Selbsthilfevereinigung von Betroffenen, richtete zusammen mit dem Uniklinikum Gießen, dem Universitären Diabeteszentrum Mittelhessen sowie dem Gesundheitsnetz Wetterau die Veranstaltung unter der Devise »Mitten im Leben – mitten in Hessen« aus. Die Organisation lag bei Chefarzt Dr. Michael Eckhard aus dem Diabeteszentrum und der Leiterin der Diabetesschulungen im Klinikum, Dr. Jutta Liersch, die von drei Dutzend Helfern unterstützt wurden.

»Mit Diabetes lässt sich leben«, ermutigte in ihrem Grußwort die Schirmherrin, Gießens Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz, die Besucher, die sich mit ihr zusammen vom früheren 400-Meter-Hürden-Spitzenläufer und heutigen Motivationstrainer Dr. Harald Schmid schon vor der offiziellen Eröffnung im großen Saal so richtig hatten in Schwung bringen lassen. Später lernte man mit dem »Reininghaus Projekt« (Bad Nauheim) eine tolle Gruppe kennen: Sabine Reininghaus – Typ 1-Diabetikern – hat ihre Zuckerkrankheit in den Griff bekommen. Sie hat sie mit ihren Mitstreitern kurzerhand musikalisch verarbeitet. »Was ist nur mit mir los?« fragte sie singend. Der Beifall war enthusiastisch.

Viele unter den nahezu 1000 Besuchern, die am Morgen nur einfach mal in der Kongresshalle hatten »vorbeischauen« wollen, revidierten diesen Entschluss und fanden sich erst am Eingang der Halle wieder, als die Aussteller am frühen Nachmittag ihre Stände räumten und Dr. Eckhard und Dr. Liersch zufrieden Bilanz zogen: Im Foyer flanierend, hatten sie sich über die Einrichtungen für Diabetiker in Mittelhessen ebenso unterrichtet wie über Neuheiten der Industrie. Im großen Saal stellte derweil Oberärztin Dr. Tina Hoffmann neue Perspektiven der Therapie vor. Sie solle sich stärker als bisher am einzelnen Patienten orientieren. »Das angestrebte Ziel eines HBA1c-Wertes unter 6,5 muss nicht in jedem Fall erreicht werden, und Metformin bleibt erste Wahl bei der Behandlung.«

Zuvor hatte Dr. Eckhard die »vielen Gesichter« des Diabetes geschildert, der bis zum Einsatz der Insulintherapie praktisch ein Todesurteil bedeutete. Angesichts der noch immer im Steigen begriffenen Erkrankungszahlen erfüllt namentlich jugendliches »Komasaufen« die Diabetologen mit Besorgnis: Es steigert das Risiko eines späteren Typ II-Diabetes.

Zunahme besorgniserregend

Besorgniserregend auch der Beitrag von Dr. Michael Coch, der als Chefarzt in der Nauheimer »Südparkklinik« die Rehamaßnahmen bei Patienten nach Herzinfarkt leitet: Jeden Morgen werden dort Neuankömmlinge im Rahmen der Eingangsuntersuchungen auch auf Zucker getestet. »Und jeden Morgen finden wir mindestens zwei Patienten, die nicht wussten, dass sie zuckerkrank sind.« Coch: »Diabetes und Herzprobleme sind zwei Seiten einer Medaille«.

Stets umlagert waren die Tische des »Gesundheitsparcours« in der Kunsthalle, wo Fußinspektionen und Körperfettbestimmungen Interesse erregten und die jungen Damen der Diätschule mit »gesunden« Häppchen verwöhnten.

A propos Diät: Hier und von Elke Magold (Bad Nauheim) gab es auch Antwort auf die Frage, weshalb eigentlich die Regale mit »Diabetiker-Lebensmitteln« in den Supermärkten leergeräumt worden sind: Die Ernährungsempfehlungen für Diabetiker unterscheiden sich nicht mehr von denen für gesunde Erwachsene: eine Kost mit zehn bis 20 Prozent Eiweiß, weniger als 35 Prozent Fett und 45 bis 60 Prozent Kohlenhydraten, reich an Ballaststoffen (40 Gramm pro Tag), mit viel Gemüse, Hülsenfrüchten, frischem Obst und Vollkornprodukten.

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