14. September 2014, 22:58 Uhr

Diabetestag: Experten fordern politische Schritte

Gießen (srs). Jeder zehnte Deutsche leidet unter Diabetes. Pro Tag werden 1000 Neuerkrankungen diagnostiziert.
14. September 2014, 22:58 Uhr
Zu sportlichen Übungen animierte der Landessportbund (r.: Irmgard Irmler-Pleil) die Besucher. Auch der Bezirksvorsitzende des Diabetiker-Bunds, Wilfried Bunk (l.), stellte sein Gleichgewicht auf die Probe. (Foto: srs)

Angesichts zunehmend übergewichtiger Kinder und Jugendlicher, die sich zucker- und fettreich ernähren und immer weniger sportlich aktiv sind, »wird die Lage erst noch dramatisch werden«, warnte am Samstag Dr. Michael Eckhard, Internist und Diabetologe des Uniklinikums Gießen und Marburg in einem Vortrag in der Kongresshalle. »Diabetes stoppen – jetzt«, appellierten er und weitere Experten im Rahmen des Mittelhessischen Diabetes- und Präventionstags. Im Besonderen drängten sie auf Schritte von politischer Seite, um die Vorbeugung gegen den durch Übergewicht begünstigten Typ 2 der Krankheit zu stärken.

»Den Typ 1-Diabetes merken Sie zügig. Ihr Gewicht nimmt ab, Sie müssen viel Wasser lassen, Ihr Durst nimmt zu«, erklärte Eckhard. Der Typ 2 jedoch, der über 90 Prozent der Diabetes-Erkrankungen ausmache, werde in vielen Fällen lange nicht erkannt. Häufig werde ein Arzt erst sehr spät beim Auftreten von Folgeerkrankungen aufgesucht. »Deshalb ist Prävention so wichtig«, erklärte der Vorsitzende der Hessischen Fachvereinigung für Diabetes. Seit wenigen Wochen rege man gezielt niedergelassene Ärzte an, Patienten im Rahmen einer Fragebogen-Aktion auf eine mögliche Diabetesgefährdung anzusprechen und sie auf Bewegungsangebote sowie auf die Bedeutung einer vernünftigen Ernährung aufmerksam zu machen. Notwendig seien aber auch politische Maßnahmen, betonte Eckhard. Die Einführung einer Zucker- und Fettsteuer sei zumindest »diskussionswürdig«. Mit dem hessischen Sozialministerium spreche man derzeit über Konzepte für Präventionsprogramme. Im kommenden Jahr wolle man Angebote in Betrieben auf die Beine stellen. »Die Schwelle für gesunde Ernährung muss niedriger werden.«

Die Politik sei »aufgefordert, die Entscheidung für gutes Essen einfacher und attraktiver zu machen«, bekräftigte die Leiterin der Diabetes-Schulung am Uniklinikum, Dr. Jutta Liersch, während einer Podiumsdiskussion. Ungesundes Essen wie Fast Food sei für viele Jugendliche leider »cool und modern«, bedauerte sie. Es gelte, eine »unheilige Allianz« aus mangelhafter Bewegung, Übergewicht und falscher Ernährung zu bekämpfen, erklärte der Vorsitzende der Bezirksärztekammer Gießen, Dr. Hans-Martin Hübner. Nur werde das Problem »gesellschaftlich gar nicht wahrgenommen.« Um Diabetes durch Sport und Bewegung vorzubeugen, müsse man »an kleinen Schrauben des Alltags« drehen, betonte der Sportwissenschaftler Dr. Karsten Krüger von der JLU während der Podiumsdiskussion, an der auch Timo Gerhold vom Landessportbund und Kurt Becker vom Diabetiker-Bund teilnahmen. Lehrreich seien Erfahrungen aus der Therapie mit Kindern, sagte Krüger. »Didaktische Überladung bringt wenig. Freude am Sport und Gruppenzusammenhalt spielen die zentrale Rolle.« Denn Sport sei »wie ein Medikament: Es wirkt nur, wenn ich es auch nehme.«

Veranstalter des Diabetes- und Präventionstags waren die Medizinische Universitäts- und Poliklinik sowie das Mittelhessische Diabeteszentrum UDZM zusammen mit dem Deutschen Diabetiker-Bund. »Diabetiker müssen aus ihrem Schneckenhäuschen heraus«, hob der hessische Landesvorsitzende des Diabetiker-Bunds Becker hervor und riet zur Mitgliedschaft in Selbsthilfegruppen. Treffen im Raum Gießen können erfragt werden beim Bezirksvorsitzenden Wilfried Bunk, Tel.: 06403-68147. Insulinpflichtige Diabetiker treffen sich in einer weiteren, unabhängigen Gruppe jeden zweiten Donnerstag im Monat um 20 Uhr in der Gießener Stube in der Neuen Bäue, das nächste Mal am 9. Oktober.

Neben einer Reihe von Mitmachangeboten informierten in der Kongresshalle über 30 Stände im Rahmen eines »Markts der Möglichkeiten« über Neues. Das Zentrum für Kinderheilkunde am Uniklinikum empfing zu Vorträgen und einem Quiz. Fernsehkoch Mirko Reeh bereitete unter den Augen der Besucher Pastrami zu – unter anderem belegt mit Ahle Worschd und Handkäs. Außerdem verriet Reeh, der regelmäßig die Bundeskanzlerin bekocht, eine Lieblingsspeise Angela Merkels: »Sie mag es bodenständig, ohne Chichichi und Tralala. Sehr gerne isst sie Kartoffelsupp’«.



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