18. März 2010, 21:36 Uhr

Diabetes-Symposium 2010: Positive Lebenseinstellung ist wichtig

Gießen (if). In der Fülle der täglichen Nachrichten mag diese Meldung untergegangen sein: Zuckerkranke Hochrisiko-Patienten mit zu hohen Blutfetten und Bluthochdruck haben zusätzlich zu ihren Medikamenten für einige Wochen je eine halbe Stunde Lächeln in Form eines lustigen Filmes verordnet bekommen. Bereits nach zwei Wochen zeigte sich: Die Stresshormone sanken, die Werte für Blutfette und Entzündungsreaktionen besserten sich.
18. März 2010, 21:36 Uhr
Symposium-Leiter Dr. M. Eckhard sprach über Krebsrisko bei Diabetes. (Foto: if)

Gießen (if). In der Fülle der täglichen Nachrichten mag diese Meldung untergegangen sein: Zuckerkranke Hochrisiko-Patienten mit zu hohen Blutfetten und Bluthochdruck haben zusätzlich zu ihren Medikamenten für einige Wochen je eine halbe Stunde Lächeln in Form eines lustigen Filmes verordnet bekommen. Bereits nach zwei Wochen zeigte sich: Die Stresshormone sanken, die Werte für Blutfette und Entzündungsreaktionen besserten sich. Was amerikanische Diabetologen im vorigen Jahr herausfanden, kann auch Professor Johannes Kruse, der Direktor der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie im Uniklinikum Gießen, aus eigener Erfahrung bestätigen: Eine positive Lebenseinstellung und der Abbau von Stress kann sich günstig auf den weiteren Verlauf einer Erkrankung an Diabetes Typ II (dem sogenannten »Altersdiabetes«) auswirken.

In Düsseldorf , von er im Vorjahr nach Gießen berufen wurde, hatte bereits ein wöchentlicher Anruf des behandelnden Arztes (»Wie geht es Ihnen?«) genügt, um eine messbare Verbesserung der Werte zu erzielen.

Auf die Wechselwirkungen zwischen psychischer Verfassung und Zuckerkrankheit ging Professor Kruse beim jüngsten Diabetes-Symposium der Medizinischen Klinik und Poliklinik III im Bürgerhaus Kleinlinden ein: Depressive Patienten haben, so weiß man, ein erhöhtes Diabetesrisiko, andererseits sind Diabetiker häufiger depressiv als die übrige Bevölkerung. »Physiologie und Verhalten schaukeln sich wechselseitig auf. Und Zuckerkranke sind eine Risikogruppe.« Bei der Therapie komme es darauf an, Stress und Belastungen zu reduzieren, die Patienten zu aktivieren und eine Veränderung des Gesundheitsverhaltens im Sinne eines Selbstmanagements zu erreichen.

Laut Gesundheitsbericht 2010 sind in Deutschland gegenwärtig acht Millionen Menschen an einem bekannten Diabetes mellitus erkrankt - davon 95 Prozent am Typ II. Es hat sich gezeigt, dass die Diagnose in der Regel erst mit zehnjähriger Verzögerung erfolgt. Zu diesem Zeitpunkt aber hat bereits die Hälfte der insulinausschüttenden Beta-Zellen in der Bauchspeicheldrüse ihre Funktion eingebüßt. Die Forschung richtet ihr Augenmerk daher vermehrt auf Möglichkeiten, bereits in der Vorlaufzeit den B-Zell-Verlust und die Verringerung der Insulin-Sekretion um jährlich vier bis sechs Prozent zu bremsen. Im Auftaktreferat unterstrich Professor Reinhard G.Bretzel, der Direktor der einladenden Medizinischen Klinik und Poliklinik, es komme darauf an, die Zellen, die aufgrund einer Lipo- und Glukosetoxizität nicht mehr angemessen reagieren könnten, zu entlasten, damit sie sich wieder erholen. Dass Beta-Zellen grundsätzlich zur Regeneration fähig sind, habe Professor Federlin, der dem Symposium aufmerksam folgte, im Tiermodell bereits Mitte der achtziger Jahre nachweisen können.

Neue Behandlungsmöglichkeiten eröffnen die »Darmhormone«: Das menschliche GLP-1 Hormon (Glukagon like peptide) regt bei Gesunden nicht nur die Insulinbildung in der Bauchspeicheldrüse an, sondern drosselt zugleich auch die Ausschüttung von Glukagon, dem Gegenspieler des Insulins. Bei Menschen mit Typ 2-Diabetes funktioniert dieser Mechanismus nicht mehr. Im Speichel einer seltenen amerikanischen Echsenart wurde jedoch ein Hormon gefunden, das dem menschlichen zwar ähnelt, aber nicht so rasch abgebaut wird. Inzwischen gentechnisch nachgebaute Substanzen ahmen die Wirkung der menschlichen Darmhormone nach und vermindern die bestehende Überlastung der Betazellen. Zugleich - und das werten Patienten als besonders erfreulich - reduzieren sie den Appetit und fördern die erwünschte Gewichtsreduzierung.

Im vierstündigen Programm des Symposiums sprach Prof. Gerald Klose, Direktor der Bremer Klinik für Innere Medizin, über die »multidimensionale Lipidtherapie«. Die »diastolische Herzinsuffizienz« wurde von Prof. Burkhard Pieske (Graz) beleuchtet. Prof. Eugen Domann (Gießen) referierte über die Wechselwirkungen zwischen Darmflora und Stoffwechsel und betonte die wichtige Rolle einer gesunden Ernährung bei gleichzeitig viel Bewegung. Oberarzt Dr. Michael Eckhard, wissenschaftlicher Leiter des Symposiums, ging schließlich aus der Sicht des Klinikers mit dem Thema »Krebsrisiko bei Diabetes« auf eine vor Jahresfrist aufgeflammte, leidenschaftliche Diskussion ein. Heute lautet die Auffassung der Fachwelt: »Es gibt keine Evidenz, dass Insulin Krebs auslöst«.



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