21. Oktober 2019, 22:08 Uhr

Der Tod als Erbsenzählerei

21. Oktober 2019, 22:08 Uhr
Die schwarze Witwe am Rodtberg. (csk)

Wer früher stirbt, kann länger Erbsen zählen. Und wer lange genug mit Erbsenzählerei beschäftigt ist, vergisst irgendwann vielleicht das Zehren. Damit es gar nicht so weit kommt, warnt die »schwarze Witwe« ihr Publikum am Sonntagabend auf dem Neuen Friedhof eindringlich: »Vorsorge ist besser als Nachsorge.« Nun ließe sich darüber streiten, ob die Zeitreisende aus dem 19. Jahrhundert wirklich von Prävention spricht. »Nachzehrer«, die tot jede Nacht ein Familienmitglied holen, werden jedenfalls erst postmortal mit haufenweise Erbsen bedeckt. Die müssen sie dann alle zählen, damit sich der Sarg öffnet. Unter der Erde, bei Dunkelheit und folglich arg erschwerter Sicht. Klüger sei aber ohnehin, die Gefahr rechtzeitig zu erkennen, sagt die schwarze Witwe. Möglichst schon bei Geburt eines »unruhigen Toten« in spe.

Auf die Welt kämen solch zwielichtige Gestalten nämlich stets unter klaren Vorzeichen, etwa mit einem einzelnen Zahn oder einem »Mützchen« aus Embryonalhaut. Vernichte man diese Dinge umgehend, sei die Gefahr gebannt. So oder so, »Nachzehrer« haben es nicht gerade leicht. Zum Trost spielen sie wenigstens eine Hauptrolle bei der Kostümführung »Von Leichenbittern, Totenkronen und Wiedergängern«. Als Dr. Anja Kretschmer die 25 Teilnehmer dazu begrüßt, bricht gerade die Dämmerung herein. Ein Friedhof im Halbdunkeln, neblig-trübes Wetter und teils schaurige Geschichten: Das Gruseln mit Niveau kann wohl beginnen.

Der Ort liefert die Kulisse für einen kurzweiligen Ausflug in die Geschichte von Glauben und Aberglauben. Anfangs erzählt die Rostocker Kunsthistorikerin, die mit ihrer »Friedhofsgeflüster«-Reihe bundesweit auftritt, über Raben und Krähen, Käuzchen und Tauben. Die »Todesvögel« sitzen auf Dächern und rufen »Starb! Starb!« oder »Tutenfru! Tutenfru!«. Ein Narr, wer solche Zeichen nicht zu deuten weiß.

Nur gut, dass die Zeitreisende Tricks und Kniffe kennt. Kaum sei ihr »erster Mann« gestorben, habe sie die Fenster geöffnet, die Uhren angehalten und alle Spiegel verhängt. So konnte die Seele des Toten entweichen. Gefahr gebannt. Vorerst. Mindestens drei Tage müsse eine Leiche bis zur Beerdigung im Haus verweilen, sagt die Expertin. »Eine äußerst gefährliche Zeit« sei das, überschattet von der Furcht, dass der oder die Verstorbene »keine Ruhe« finde. Und eben darum dreht sich letztlich nunmal alles: Was, wenn die Toten gar nicht ruhen?

90 Minuten lang erfahren die Teilnehmer jede Menge über Leichenbitter, die Todesnachrichten überbringen, den Leichenschmaus, über »schwer Sterbende« sowie Totenkronen und ihre Bedeutung. Außerdem schildert die schwarze Witwe den geschlechterspezifischen Umgang mit dem Tod. Frauen hätten nach Ableben des Gatten ein Jahr lang Schwarz tragen und später »langsam abtrauern« müssen, Männern habe ein Trauerflor für sechs Monate völlig gereicht.

Als der Friedhof tiefschwarz daliegt, kommt Kretschmer auf das abgründigste Thema des Abends: »Wiedergänger« und »Nachzehrer«. Erstere hätten Rechtmäßiges nicht erhalten, Letztere trieben eher Sehnsucht und Gier. Halte die Untoten kein Hausmittelchen unter der Erde, weder die Erbsenkur noch ein Extra-Gewicht oder gekonnte Fesselung, bleibe nur die rabiate Methode. Nachts werde dann das Grab ausgehoben und der oder die Tote nachträglich geköpft, berichtet die Witwe. »Deshalb habe ich in meiner Handtasche immer einen Klappspaten dabei.«

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