28. Juli 2008, 21:50 Uhr

Der Seltersweg ist die Schlossallee Gießens

Gießen (mö). Da baut sich die Stadt am Berliner Platz für schlappe 70 Millionen Euro ein schickes Rathaus - und dann das. Bau- und Planungsdezernent Thomas Rausch konnte gestern Vormittag seine Enttäuschung darüber nicht verbergen, dass Gießens neue Mitte mit nur 240 Euro taxiert worden ist. Das ist nämlich gerade einmal die drittbeste Lage, denn Gießens Schlossallee heißt Seltersweg.
28. Juli 2008, 21:50 Uhr
Muss Stadtrat Thomas Rausch ins Gefängnis? Könnte sein angesichts der schadenfrohen Gesichter (v. r.) von Sadullah Gülec, Pamela Schlehuber, Schlammbeiser Axel Pfeffer und Michael Tschiggerl vom Spieleverleger Winning Moves. (Foto: Schepp)

Gießen (mö). Da baut sich die Stadt am Berliner Platz für schlappe 70 Millionen Euro ein schickes Rathaus - und dann das. Bau- und Planungsdezernent Thomas Rausch konnte gestern Vormittag seine Enttäuschung darüber nicht verbergen, dass Gießens neue Mitte mit nur 240 Euro taxiert worden ist. Das ist nämlich gerade einmal die drittbeste Lage, denn Gießens Schlossallee heißt Seltersweg. Er besetzt das begehrte dunkelblaue Spielfeld und ist 400 Euro wert. Was sich verdächtig nach Monopoly anhört, ist Monopoly. Gestern wurde in der Galeria Kaufhof die Gießen-Version einer Städte-Edition vorgestellt, die der Düsseldorfer Spieleverlag Winning Moves aufgelegt hat.

Auf dem quadratischen Spielfeld ist alles so, wie man es von dem Brettspiel-Klassiker gewöhnt ist. Man wird nicht etwa politisch korrekt in die Justizvollzugsanstalt geschickt, sondern ins Gefängnis. Richtig realistisch: Im Monopoly-Gießen gibt's nur einen kostenlosen Parkplatz. Und erfreulich: Im Gegensatz zu vielen anderen Produkten wie Stadtführern oder Landkarten, die von auswärtigen Firmen hergestellt werden, stimmt (fast) alles.

Das dürfte auf die Mitarbeit der Stadtmarketinggesellschaft Gießen GmbH zurückzuführen sein, die den Verlag beraten hatte. Auf 22 Gießener Motive mussten sich Geschäftsführer Sadullah Gülec und seine Mitarbeiter beschränken. »Das war gar nicht so einfach. Wir hätten locker 40 bis 50 Straßen nehmen können. Wir haben uns gefragt: Was darf auf keinen Fall fehlen?«, berichtete Gülec, der gestern gemeinsam mit Stadtrat Rausch, Galeria-Geschäftsführerin Pamela Schlehuber, Winning-Moves-Vertreter Michael Tschiggerl sowie Schlammbeiser Axel Pfeffer die Premierenrunde auswürfelte.

Apropos Schlammbeiser: Gießens Symbolfigur gibt nicht nur dem Hafen seinen Namen, sondern kommt als Motiv auch noch am Marktplatz zu Ehren, obwohl er strenggenommen auf dem Kirchenplatz steht. Den Kreuzplatz, mit 320 Euro zweitbeste Lage nach dem Seltersweg, illustriert der Kugelbrunnen, der seinen Stand damit gefestigt haben dürfte. In den sauren Apfel, die billige Bad- und Turmstraße aus dem deutschen Nachkriegs-Original abgeben zu müssen, beißen die Reichenberger und die Krofdorfer Straße. Das könnte ebenso Ärger geben wie der Umstand, dass die fünf außenliegenden Stadtteile eigentlich gar nicht vorkommen. Eigentlich, weil Lützellinden als Flugplatz dann doch noch Berücksichtigung fand. Im Gegensatz zum Stadtbaurat, wie Gülec bedauerte: »Zu einer Stadt, in der sich soviel verändert, hätte natürlich auch ein Foto mit Herrn Rausch auf einem Bagger gepasst.«

Interessant war, was Verlagssprecher Tschiggerl zur Geschichte dieser 104 Jahre alten Spielidee erzählte. Mit der Städte-Edition, die es in Hessen bereits für Frankfurt, Wiesbaden, Kassel und Darmstadt gibt, kehre das Spiel zu seinen Wurzeln zurück. Den eigentlich sei Monopoly, dessen Ursprungsversion in Atlantic City spielt, in allen Ländern am Beispiel der Metropolen entwickelt worden. Auch in Deutschland, wo zunächst Berlin die Straßen lieferte. Die Nationalsozialisten hätten Monopoly als »jüdisches Wucherspiel« dann aber 1936 verboten, unter anderem aber auch, weil der Straßenzug, in dem viele Parteibonzen wohnten, den höchsten Spielwert hatte. Heute gibt es noch im Spielemuseum in Chemnitz eine Version dieses ersten deutschen Monopoly. Bei der Wiedereinführung im Jahr 1953 seien dann Straßennamen gewählt worden, wie man sie in jeder deutschen Stadt damals fand, erläuterte Tschiggerl.

Das Gießen-Monopoly gibt's ab sofort für 39,99 Euro im Handel.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Axel Pfeffer
  • Euro
  • Galeria Kaufhof
  • Kaufhof Warenhaus AG
  • Monopoly
  • Sadullah Gülec
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen