04. März 2019, 21:26 Uhr

Der Netzwerker

Stefan Neubacher ist der neue Mann an der Spitze des Kulturamts. Der 52-Jährige erzählt von seinen ersten Eindrücken der Stadt, warum man ihn in Marburg unter seinem Spitznamen Nysel kennt und wann mit dem ersten Auftritt seiner Band zu rechnen ist.
04. März 2019, 21:26 Uhr

In einem Lied Ihrer Band »Auf Krücken durch Rom« heißt es: ›Ein Gefühl als Gast und Bewohner, neu und selbstverständlich, unspektakulär und doch schön‹. Ich finde, das passt auf ihre Anfänge als Kulturamtsleiter in Gießen. Fühlen Sie sich noch als Gast oder schon als Bewohner?

Stefan Neubacher: Es ist auf dem Weg vom einen zum anderen. Ich fühle mich schon eher als Bewohner. Es macht mir großen Spaß, mich mit der Stadt und den Menschen bekannt zu machen. Ich lerne großartige Leute und tolle Projekte kennen.

Ist die Musik das Feld der Kultur, das Sie bislang am meisten interessiert hat?

Neubacher: Ich habe über den Bedeutungswandel von Popmusik promoviert, mache selbst Musik. Da liegt mir die Musik natürlich erst mal am nächsten. Aber ich habe auch Neuere deutsche Literatur studiert. Und in den letzten zehn Jahren ist auch das Theater dazugekommen. Meine Frau Heike Scharpff ist freie Theaterregisseurin.

Das ergänzt sich doch prima mit den beiden Kunsthistorikerinnen Katharina Weick-Joch im Oberhessischen Museum und Nadia Ismail in der Kunsthalle.

Neubacher: Meine Aufgabe als Amtsleiter ist es, die strategische Ausrichtung der Einrichtungen, die zum Kulturamt gehören, voranzutreiben. Das gilt neben Museum und Kunsthalle auch für die Bibliothek. In die Fachlichkeit der beiden Leiterinnen würde ich nie reinreden. Wir schauen, wie wir die Einrichtungen gemeinsam weiterentwickeln und das Publikum ansprechen können.

Sie haben in Eberswalde das Kulturamt aufgebaut und sind dort nun nach zehn Jahren unter großem Bedauern verabschiedet worden. Ist es Ihr Verdienst, dass Eberswalde heute als »kleine Kulturhauptstadt« in Nord-Ost-Brandenburg gilt?

Neubacher: Das ist sicher nicht allein mein Verdienst. Mein Job war es, Akteure zusammenzubringen: Kulturakteure, Politik, Hochschule, Unternehmen. Ich habe ermöglicht, dass die Akteure zusammenkommen und sie unterstützt, Ideen zu verwirklichen.

Als Ermöglicher zu agieren, scheint Ihre Definition von Kulturamtsarbeit zu sein.

Neubacher: Genau. In dem Zusammenhang ist es für mich eine interessante Erfahrung nach Gießen zu kommen. Denn hier gibt es das schon. Meine Kolleginnen Annette Eidmann und Stephanie Jackson sind super vernetzt und machen großartige Arbeit. Momentan ist es daher erst mal meine Rolle, mich in die Szene einzuarbeiten.

In Eberswalde haben Sie viele neue Veranstaltungsformate installiert.

Neubacher: Es war nicht alles meine Idee. Einen größeren Anteil hatte ich an der Gestaltung des Erinnerungsortes auf dem Standort der zerstörten Synagoge. Das gab es schon als Idee einer Bürgerinitiative. Ich habe dafür gesorgt, dass dies im partizipativen Verfahren umgesetzt wurde. Stark mitgewirkt habe ich auch an der Erinnerungsarbeit für Amadeu Antonio (Der Angolaner wurde 1990 in Eberswalde eines der ersten Todesopfer rassistischer Gewalt in der BRD seit der Wiedervereinigung, Anm. der Red.).

Was hat Sie gereizt, sich in Gießen als Kulturamtsleiter zu bewerben?

Neubacher: Ich hatte in Eberswalde zehn tolle Jahre, habe viel gelernt und bewegen können. Ich wollte mich noch mal verändern. Am Ende hat die Abenteuerlust gewonnen.

Und jetzt pendeln Sie. Ihre Frau ist weiter beim Kanaltheater in Eberswalde aktiv.

Neubacher: Der ICE ist derzeit mein Wohnzimmer. Es gibt aber ein Projekt, das meine Frau wieder nach Hessen bringt. Das Kanaltheater hat eine »Doppelpass«-Kooperation mit dem TNT in Marburg. Das Projekt stand aber schon, bevor ich mich beworben habe.

In Marburg haben Sie das Café Trauma geleitet. Gibt es aus der Zeit noch Verbindungen zu Kulturakteuren in Gießen?

Neubacher: Manuela Weichenrieder hat damals im TNT gearbeitet, als es noch German Stage Service hieß. Als Café Trauma mit German Stage Service fusioniert und gemeinsam das G-Werk gegründet haben, habe ich Manuela kennen- und schätzen gelernt.

Gießens Kulturszene ist groß. Haben Sie schon einen ersten Überblickt?

Neubacher: Ein Blickchen würde ich es nennen. Es gibt Sachen, von denen ich jetzt schon Fan bin. Auf meinem Computer klebt bereits ein Aufkleber der Giennale – ein großartiges Format. Auch die Seriale finde ich außergewöhnlich. Dieses Alleinstellungsmerkmal sollten wir hegen und pflegen. Bei der Alten Kupferschmiede bin ich zuversichtlich, dass ein solcher Ort erhalten bleiben kann. Die Kreativszene ist auch mit der Raumstation oder dem Prototyp super vital.

Was steht auf Ihrer Agenda für Gießen?

Neubacher: Wichtig ist mir, fortzusetzen, was bereits da ist, nämlich das gut ausgebaute Netzwerk von Kulturakteuren. Wir werden wieder zum Kulturforum einladen. Es ist mir wichtig, Rahmenbedingungen für Akteure zu schaffen und sie zu unterstützen. Mir ist es wichtig, partizipativ zu arbeiten, also möglichst viele Menschen in Entscheidungsfindungsprozesse einzubinden und Projekte anzuschieben, die möglichst viele involvieren.

Ihre Vita lief nicht unbedingt auf eine Verwaltungstätigkeit hinaus. Aber ihre praktische Erfahrung ist nun von großem Vorteil.

Neubacher: Ich habe ein paar Jahre in Eberswalde gebraucht, aber heute weiß ich, wie Verwaltung funktioniert. Ich kenne auch die Arbeitsweisen der Kulturakteure und bin dadurch ein guter Partner für alle da draußen (lacht).

Was hat es mit Ihrem Spitznamen Nysel auf sich?

Neubacher: Ich bin im Sauerland zur Schule gegangen. Nüsel heißt dort das Apfelkerngehäuse. Und weil ich das immer mitesse, hieß ich als Jugendlicher der Apfelnüsel, später Nüsel. Weil Ypsilon der hübschere Buchstabe ist, habe ich das in Nysel abgeändert. In Marburg kennen mich die meisten als Nysel.

Sie wohnen aktuell in Marburg?

Neubacher: Das war für mich für den Übergang das Einfachste, weil ich dort Freunde habe und in einer Erwachsenen-WG untergekommen bin. In den nächsten Monaten und Jahren werde ich schauen, wie sich alles zurechtruckelt. Ich pendele mit Zug und Fahrrad. Gefühlsmäßig würde ich schon gerne in Gießen wohnen.

Kochen ist Ihre Leidenschaft?

Neubacher. Das wird sich auch beim neuen Kulturforum niederschlagen. In Eberswalde hatten wir alle zwei Monate die Kulturküche. Es wurde bei einem informellen Treffen gemeinsam gekocht. Das wollen wir auch beim Kulturforum Anfang Mai machen.

Und wann können wir »Auf Krücken durch Rom« hören – vielleicht beim musikalischen Sommer auf dem Schiffenberg?

Neubacher: Wahrscheinlich am 23. Juni bei der Giennale.

Wenn wir uns heute in fünf Jahren wiedertreffen würden – was wollen Sie bis dahin in Gießen erreicht haben?

Neubacher: Ich möchte vor allem mit dem Oberhessischen Museum drei Schritte weiter sein. Das ist die größte Baustelle, und ich weiß nicht, ob wir in fünf Jahren damit fertig sein werden. 2010 bis 2014 haben wir in Eberswalde das Museum barrierefrei erschlossen und eine neue Dauerausstellung konzipiert. Im Prinzip wie hier. Aber das Gießener Museum ist größer, die Sammlung sehr viel umfangreicher und es geht auch grundsätzlicher um die Frage, welche Aufgabe das Museum haben soll. Das ist eine knifflige Aufgabe und macht gerade großen Spaß. Ziel wäre es, in fünf Jahren eine neue Dauerausstellung mit etablierten und partizipativen Formaten zu stadtgeschichtlichen Themen etabliert zu haben. Oberbürgermeisterin Grabe-Bolz steht voll hinter dem Projekt, und so bin ich zuversichtlich, dass das gelingt. (Foto: Schepp)

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