07. August 2012, 20:53 Uhr

Der Mann für olympische Herzensangelegenheiten

Gießen (mö). Anfang September wird es wieder soweit sein. Dann treffen sich die Mitglieder der deutschen Ruder-Olympiamannschaft von 1972 traditionell an der Strecke in Oberschleißheim. Dabei sein wird auch Prof. Paul E. Nowacki, jahrzehntelang Inhaber des Lehrstuhls für Sportmedizin an der Justus-Liebig-Universität.
07. August 2012, 20:53 Uhr
Paul E. und Doralies Nowacki kamen in der Orginalausstattung von 1972 zum Pressetermin. (Foto: Schepp)

Vor 40 Jahren war der heute 78-Jährige bei den Münchner Spielen offizieller Olympiaarzt der Ruderer und Kanuten. Stets an seiner Seite: Ehefrau und Assistentin Doralies.

Beim Termin in den Räumen der Gießener Allgemeinen sorgen die Wettenberger für eine schöne Überraschung, denn die beiden Olympioniken tragen die Original-Dienstkleidung von 1972. Paul Nowacki hat den hellblauen Ausgehanzug mit Bundesadler an, seine Frau den lindgrünen Trainingsanzug.

Das Abenteuer olympische Spiele hatte für beide so richtig am 1. August 1972 begonnen, als sie mit der Mannschaft ins Höhentrainingslager an den Silvretta-Stausee in Österreich reisten. Als Leiter des Sportmedizinischen Untersuchungszentrums an der Ruderakademie Ratzeburg war Nowacki ein Vertrauter der Trainerlegende Karl Adam, der unter anderem vier Jahre zuvor den Männerachter zu Gold im Mexiko geführt hatte.

Doch das Flaggschiff des westdeutschen Ruderteams »war vom Pech verfolgt«, wie sich Nowacki erinnert. Erst erlitt ein Mitglied der Crew eine Rückenverletzung, dann kam’s zum »Desaster« mit dem sogenannten »Colani-Achter«. Bei einer Testfahrt brach das von dem bekannten Designer kreierte und aus Spezialkunststoff gebaute Boot auf dem Silvrettasee in Stücke. Zwar habe die Mannschaft auf ihr bisheriges Gefährt zurückgreifen können, aber »das Vertrauen in das Boot war irgendwie weg«. Nächster Rückschlag während der Vorbereitung: Nowacki diagnostizierte bei einem der Ruderer eine schwere Herzrhythmusstörung und riet zum Verzicht auf den Wettkampf. Nach einem Disput mit seinem Kollegen Prof. Joseph Keul, der den Ruderer für einsatzfähig hielt, und nach einem erneuten Belastungstest wurde der Athlet auf Anraten eines dritten Arztes aus der Mannschaft genommen. »Das war natürlich eine Aufregung für Trainer und Mannschaft, aber im Sinne des Sportlers«, sagt Nowacki, der auf seine klinische Praxiserfahrung als Internist der Medizinischen Hochschule Lübeck verweisen konnte. Noch heute, so der Sportmediziner, dankten die Ruderer von damals »Doc Paul« für solche Entscheidungen und die »dopingfreie« Betreuung. »Die rudern heute noch fast alle bei Seniorenwettbewerben mit. Das macht mich schon ein bisschen stolz«.

Für den Achter indes reichte es im Finale nur zu Platz fünf. Nach den Endläufen am 2. September und einem Einsatz am »Eiskanal« in Augsburg bei den Wildwasserakrobaten hatten die beiden Norddeutschen bei ihrem ehrenamtlichen Olympia-Einsatz ein paar Tage Freizeit, an denen sie die »einmalige Stimmung« genossen und Höhepunkte wie den Olympia-Sieg von Hochspringerin Ulrike Meyfarth im Stadion erleben durften. Auch Bundeskanzler Willy Brandt traf Doralies Nowacki: »Als Lübecker haben wir uns sofort verstanden.« Am Tag nach dem Meyfarth-Gold indes legte sich der Schatten des Terrors über die Spiele, und die ganze Stimmung »war im Eimer«.

Seit 1973 in Gießen

 

Für den Mediziner aus Lübeck öffneten sich nach dem Olympia-Einsatz einige Türen. Am 1. April 1973 trat Nowacki als neuer Lehrstuhlinhaber seinen Dienst in Gießen an. Fortan gaben sich Prominente nicht nur aus dem deutschen Hochleistungssport am Kugelberg 62 die Klinke in die Hand. Bis 2006 hielt Nowacki dort Vorlesungen, heute hat er in der Ludwigstraße sein Emeritus-Büro und arbeitet dort unter anderem an einer Arbeit über die Geschichte der Sportmedizin. In Arbeit ist zudem das soundsovielte Sportabzeichen, und auch beim legendären Freitagskick in der Spielhalle des Instituts mischt der Professor jede Woche noch mit.

Natürlich verfolgen die Nowackis aufmerksam die Spiele in London und mussten am Sonntagabend schmunzeln, als 100-Meter-Olympiasieger Usain Bolt dem Münchner Sportmediziner Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt übers Fernsehen für die medizinische Unterstützung dankte. Denn Sohn Dr. Nils Nowacki ist in die väterlichen Fußstapfen getreten und arbeitet mit dem Mannschaftsarzt der Fußball-Nationalmannschaft und Bayern München zusammen.

Womit wir bei den sagenhaften Konditionswerten von Paul Breitner angekommen wären, die Nowacki vor der Heim-Weltmeisterschaft 1974 bei einer Untersuchung der Schön-Elf feststellte. Doch das ist eine ganz andere Geschichte ...

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